Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 36.1915

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ZUKUNFTS - GEDANKEN.
Vorsichtig tasten die Ge-
danken schon in die Zukunft
„nach dem Kriege", nach „Neu-
deutschland". Wie wird sein
äußeres Gewand sein? Sind wir
für die große Aufgabe gerüstet,
dem Siege der Waffen einen
Sieg der Kultur folgen zu
lassen? — Schon war es gelun-
gen, für alle Formen des mo-
dernen Lebens einen charakter-
vollen, überzeugenden Ausdruck
in edler Schlichtheit und Gerad-
heit zu prägen; in der Werk-
bund-Ausstellung zu Köln sollte
deutsches Wesen einen fried-
lichen Sieg über altersschwachen
Formalismus erringen! Lange,
planvolle Arbeit, Selbstkritik
und heißes Bemühen ließen uns
den rechten Weg finden. Nur
weiter voran auf gleicher Bahn!
Nur stärker in der Verachtung
des hohlen Scheines! In diesem
Sinne waren unsere Künstler,
die „Darmstädter Kunst - Zeit-
schriften" und viele einsichts-
volle Auftraggeber tätig. In vie-
len Kreisen aber war das ästhe-
tische Gewissen noch nicht er-
wacht. Konnte man bisher bei
Rückständigkeiten und egoisti-
schem Gebahren einzelner den
Blick auf das anderwärts Erreich-
te lenken und auf den schließ-
lichen Sieg des Besseren bei
jedermann hoffen, so muß von
nun ab kulturelle Rückstän-
digkeit als nationales Ver-
brechen gelten. Jeder Kämpfer
draußen erwartet, daß sein Opfer
zu einem Sieg deutscher Kul-
tur beitragen werde. Wie aber
draußen der höchste Mut des
Einzelnen nutzlos verbrennt,
wenn die kluge Führung fehlt,
und andererseits der einsichts-
volle Führer sich vertrauensvoll
auf die Disziplin seiner Man-
nen verlassen muß, so kann
auch eine künstlerische Kul-
tur nur durch Hingabe aller Ein-
zelnen an die gemeinsame Auf-
gabe, durch kluge Führung
und durch künstlerische
Disziplin geschaffen werden.

petschaft« in eisen geschnitten

Haben wir aus den großen künst-
lerischen Darbietungen der letz-
ten Friedensmonate die feste
Zuversicht mitnehmen können,
daß es an guten Führern auf
künstlerischem Gebietnicht fehlt,
so darf man bezüglich der Diszi-
plin der Masse nicht ganz un-
besorgtsein. Die Neigung des
Deutschen, das Gedankliche
und Grüblerische vorherr-
schen zu lassen auf Kosten der
reinen Form, macht es nötig,
immer und immer wieder auf die
Bildungdes „Geschmackes"
zu achten. Diese Aufgabe ist
schwer und entsagungsvoll. Da
gilt es, zu bändigen und aufzu-
rütteln, Mut zu machen und den
Übermut zu bekämpfen, diePhan-
tasie zu wecken und zugleich zu
zügeln. Wie aber löst man diese
scheinbar widersprechenden Auf-
gaben? Durch Vorbild und be-
freiende Tat, durch Aufrichtung
hoher Leistungen als Maßstab!

Was von jetzt an die Welt als
Erzeugnis deutschen Geistes zu
sehen bekommt, muß das Beste
sein, was nur zu schaffen ist.
Fluch allem Kitsch, allem Bana-
len. Vom Guten das Beste, dann
ist es für Deutschland gerade
gut genug! So soll es von nun
an allgemein heißen. Diesem
Prinzip verdanken wir den künst-
lerischen Aufstieg bis zum Juli
1914. — Was in wirtschaftlich
größerer Bedrängnis, in Not und
Kampf den Weg zur Höhe ge-
wiesen hat, es möge uns nicht
verlassen, wenn der Friede ge-
kommen ist! cr. vetterlein.

£

Was macht den Meister? Die
Fähigkeit, vor jeder neuen
Aufgabe innerlich wieder zum Schüler
zu werden..... Wilhelm Michel.

N'

licht von jedem Künstler darf man
das Höchste der Kunst verlan-
gen. Eine »menschliche« Sache
bleibt die göttliche Kunst auch inso-
ferne immer, als die Menschen sie,
die Lächelnde, zu mancherlei mensch-
lichen Diensten brauchen, hohen und
niederen. Was tut es dem Meere
eKirchenschlüssel« geschmiedet daß es manchen Leuten nur als Spen-
von Julius schramm-beklin. der eßbarer Tiere wichtig ist? w. M.

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