Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 36.1915

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professor julius exter. kunst-verglasung »symphonie«

AUSF: F. X. ZETTLER*MÜNCHEN| HOFGLASMAI..

DIE ZUKUNFT DES ORNAMENTS.

Eine Zeit lang hat man das Ornament ganz
aus der Welt schaffen wollen; sein Name
war schon mißliebig, er war der Inbegriff alles
der modernen Richtung Zuwiderlaufenden.
Wenn ich nun sagen wollte, daß das Ornament
am Absterben sei, so könnte man dafür viel-
leicht besser setzen: es sei am Verkümmern, an
Wachstum und Weiterentwicklung behindert.

Dafür lassen sich viele Beispiele und Beweise
erbringen; jedenfalls ist die Blütezeit des eigent-
lichen Ornaments, jenes Zier- und Schmuckwerks
von innerer Gesetzmäßigkeit, einem gewissen
Aufbau nach Richtung und Schwerkraft, also
des wirklich erfundenen und ersonnenen Or-
naments vorbei. — Gewiß, an Mustern und
„Motiven" fehlt es uns nicht, und wir sehen in
Stickereien, Tapeten und Geweben darin auch
recht erfreuliche Dinge. Das kommt aber daher,
weil diese Flächengebilde davon ganz und gar
abhängig sind, ihnen eigentlich erst ihre Er-
scheinungsform, Schönheit und Zweckerfüllung
entnehmen, mit ihnen von Grund auf eins wer-
den. Aber die Kehrseite davon ist, daß viele
andere Arbeitsgebiete der schmückenden und
angewandten Kunst, ja selbst die Baukunst
lediglich von dieser Flächenmusterung zehren.

Wie verarmt wir in der Ornamentik sind, das
können wir so recht fühlen, wenn wir irgend
ein Sammelwerk der historischen Ornamente,

der Ornamentstiche des Mittelalters und der
Renaissance, unserer deutschen Kleinmeister,
oder auch nur ein Musterbuch der Goldschmiede
oder ein Modelbuch für Nadelarbeiten durch-
blättern. Allerdings galt damals diese Art Orna-
mentik als eine Kunst für sich, wenn schon sie
im Dienste aller handwerklichen Künste stand.

Ob wir in unseren modernen Forderungen
nicht vielleicht doch zu sehr und ausschließlich
Technik und Materialwirkung betonen? Heute
protzt z. B. jedes Kaffee und jede Bierwirtschaft
mit Marmor, Bronze und Edelhölzern, während
gerade der an solchen Plätzen gerechtfertigten
ornamentalen Malerei die Anwendung versagt
wird. Mir scheint es, als habe die Entwicklung
in der angewandten Kunst doch stark unter
den Nachwirkungen der Schlager der sich jagen-
den Ausstellungen gelitten, für die eine Aus-
reifung nicht möglich war.

Nicht nur die Klein-Ornamentik der ver-
schiedenen Kunstgewerbe leidet darunter, son-
dern auch die Ornamentik der Architektur, die,
obgleich sie gerade vielfach auf historische
Formen zurückgreift, die Neuheit aber ledig-
lich in der Verwendung von Bruchstücken sucht.
— Ich erachte es daher für angezeigt, auch
dem Entwerfen von künstlerischen Ornamen-
ten wieder eine erhöhte Aufmerksamkeit und
Pflege zuzuwenden. . prof.o. scuulze-elberfeld.
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