Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 36.1915

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SCHLACHTEN-DARSTELLUNGEN.

~V Ticht nur in philosophischem Sinne, sondern
1 \l auch im geschichtlichen hat der Salz des
griechischen Denkers Berechtigung: Der Krieg
ist der Vater aller Dinge. Die Geschichte der
ältesten Zeiten ist die Geschichte ihrer Kriege.
Die Bedeutung der Kriege für die politische
und kulturelle Entwicklung der Völker ist noch
heutigen Tages außerordentlich groß. In den
Anfangszeiten der Völker aber ist Krieg über-
haupt die einzige bedeutende und folgenschwere
Betätigung der Völkerkräfte.

So kommt es, daß die Darstellung kriegeri-
scher Gegenstände fast so alt ist wie die mensch-
lische Darstellungskunst überhaupt. Diese —
um von der Gewerbekunst zu schweigen — bildet
zuerst Idole der religiösen Verehrung. Dann
beginnt sie den Menschen zu bilden, und zwar
sogleich in seiner schrecklichsten und stärksten
Betätigung, im Zerstören fremden Lebens. Eine
ununterbrochene Linie künstlerischer Über-
lieferung läuft von den Reliefdarstellungen
assyrischer Belagerungen und Gefangenen-Mar-
tern bis zu den Zeichnungen und Holzschnitten,
mit denen unsere Künstler jetzt den größten
Krieg der Weltgeschichte begleiten.

Die Auffassung nun, in der dieser große
Gegenstand im Kunstwerk erscheint, ist in den
verschiedenen Zeiten eine sehr wechselnde ge-
wesen. Das hängt zu einem Teile mit der all-
gemeinen Entwicklung des Verhältnisses der
Kunst zum Darstellungsobjekt zusammen.
Wenn der griechische Plastiker in Friesen und
Giebelfeldern Schlachtmotive darstellt, so kann
es sich natürlich nichtumDarstellungbestimmter
Örtlichkeiten oder bestimmter Schlachtmomente
handeln. Diese Bildwerke stellen nichts dar
als den einfachen, begrenzten Kanon der Be-
wegungen, die von jeher bis an das Ende der
Tage das Töten und Sterben begleiten. Nur
das Typische, das Ewige in der Geberde des
Siegers und des Besiegten ist festgehalten, das
als, was beim Bedrohen und Sterben das ein-
fach Menschliche ist. Diese Bildwerke zeigen
nur, wie seit ewigen Zeiten der Speer zum
Todesstoß erhoben wird, wie das Streitroß
unter der Verkürzung des Zügels den Nacken
wölbt, wie der am Boden liegende Verwundete
den beschildeten oder nackten Arm zur Ab-
wehr erhebt. Alles ist idealistische Steigerung
und dem Momente weit entrückt. Die buch-
stäbliche Wirklichkeit ragt nicht in die Gestal-

tung hinein. Nicht Schlachten, sondern die
Schlacht ist es, was zur Anschauung kommt.

Man kann nun überhaupt im Schlachtenbilde
zwei verschiedene Auffassungen feststellen:
eine typisierende, der es nur auf die wesent-
lichen Momente ankommt, und eine indivi-
dualisierende, die eine Schlacht in ihren
konkreten, wirklichkeitstreuen Zügen zu charak-
terisieren sucht. Die erstere Art wird, das ist
klar ersichtlich, von jeder idealistischen Kunst-
richtung bevorzugt werden. Die zweite Art
fußt auf dem Boden naturalistischer Kunst-
anschauung und ist mehr ein Kind der modernen
Zeit. — Im großen Zeitalter der Schlachten-
malerei, der Renaissance, hat jedenfalls, zumal
in Italien, die typisierende Richtung vorge-
herrscht. Zweierlei Umstände haben die Dar-
stellung des Krieges in dieser Zeit begünstigt:
die Entwicklung des künstlerischen Darstel-
lungs-Vermögens überhaupt im Zusammenhange
mit der Verweltlichung der Kunst, und sodann
die allmähliche Herausbildung der modernen
Formen des Krieges, fußend auf der Einführung
der großen Söldnerscharen, auf der Entwick-
lung des Waffenwesens, die der Masse eine
entscheidende Bedeutung verlieh, und auf der
damit zusammenhängenden Entstehung einer
neuen Taktik.

Ein Kuriosum: die beiden berühmtesten
Schlachtendarstellungen der Renaissance sind
frühe verloren gegangen, nämlich jene Kartons,
die Michelangelo und Lionardo im Wettbewerbe
für die Florentiner Republik gezeichnet haben
und die von den Zeitgenossen so bewundert
wurden, daß Raffael eigens die Reise von Rom
nach Florenz unternahm, um sie zu sehen und
zu kopieren. Immerhin kennen wir sie aus
Beschreibungen. Lionardo hatte die Schlacht
bei Anghiari, Michelangelo die Belagerung von
Pisa zu malen. Deutlich läßt sich erkennen,
daß beide nicht Schlachten gaben, die nach
Örtlichkeit, Gewand und Gefechtslage indivi-
dualisiert waren. Sie lieferten, wie die Künstler
der Antike, Steigerungen und Typisierungen.
Das ewige, ideale Wesen der Schlacht arbeiteten
sie an der Hand der gewählten Wirklichkeiten
heraus. Ebenso ist es bei den Schlachten-
bildern von Piero della Francesca, Vasari,
Palma, Bassano, Paolo Uccello, Tintoretto und
den übrigen Venetianern, wozu sich später noch
viele andere gesellen, unter ihnen SalvatorRosa

XVIII. September 1915. 3

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