Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 36.1915

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Albert JVeisgerber f. - Max Buri f.

überwindet das rein Dekorative auf der einen,
das unmittelbare Naturvorbild auf der andern
Seite, und wird visionär. Zugleich beginnt er
religiöse Stoffe zu malen: ein zwischen kahlen
Baumstämmen zusammengesunkener Sebastian
ist jedem, der dieses Bild gesehen hat, unver-
geßlich; es glühte von inbrünstiger Empfin-
dung und war gebändigt in eine ganz strenge
Bildform, für welche Figur und Landschaft eine
tiefe Einheit war. Daß er dieses Bild später
wieder zerstört hat, weil ihm noch irgend etwas
höheres vorschwebte, das er in dieser Form
noch nicht verwirklicht sah, ist bezeichnend
für den Geist, der nun in ihn gefahren ist. Nun
malt er jahrelang an einem Bilde, oder sucht
ein Thema in immer neuen Variationen abzu-
wandeln. — Das rein Malerische wird durch
dieses Streben nach dem höchsten Ausdruck
nicht etwa geschwächt, sondern noch stark ge-
steigert. Aber es dient nun nicht mehr der
Schönheit des einzelnen, sondern der reichen
und tiefen Form des Ganzen. So ist es, ob er
Bildnisse malt, oder Landschaften, zumeist mit
Figuren: es bleiben immer Visionen. — Vor
mir steht ein Bild aus dem Jahre 1911: eine
Gesellschaft gelagert auf einer Wiese, im Hin-
tergrund der See mit einem Segel. Es ist sicher
ein Erlebnis von der Natur gewesen, das ihn
dazu anregte; aber es ist nicht nur ein Bild,
sondern auch ein Gedicht daraus geworden,
freilich nicht im Sinne einer Erzählung oder
sentimentalen Stimmung, sondern als Ausdruck
der immanenten Poesie der Welt.

Nicht jedes seiner Bilder, auch aus der letzten
Zeit, greift so tief, nicht jedes ist eine volle
Lösung, vielleicht keines eine Vollendung
dessen, was in seiner Natur lag. Manchmal
war immer noch ein dekoratives Element da,
manchmal zu viel Schönheit der Farbe oder
eine zu große Absichtlichkeit der Form.

Weisgerber hat eine Fülle unvollendeter
Arbeiten hinterlassen. Sie irgendwie zu be-
wahren, ist Pflicht seiner Freunde. Denn auch
in den Fragmenten lebt sein Geist, und sie
können den Jüngeren Ansporn und Anregung
sein. Sie sind ein Symbol der Zeit.

Wer ihn nur oberflächlich kannte, konnte
ihn für allzu leicht und heiter halten und traute
ihm eher die Plakate als den „Jeremias" zu.
Doch wer sein Auge sah, der weiß für immer,
daß das heiligste Feuer in ihm brannte......

DEM ANDENKEN MAX BURI f.

Unsere Zeit ruft mit Vorliebe die komplizier-
teren Naturen zur Kunst, ein gesetzmäßiger
und jeder Willkür entzogener Vorgang, der aus
der schwierigen, unübersichtlichen Lage unserer
Kultur wohl begriffen werden kann. Wie trotz-
dem auch eine einfache, kräftige Natur in diesen
Verwicklungen sich zu behaupten vermag, das
zeigt der Fall Max Buri, dessen Tod nicht
nur ins Kunstleben der Schweiz eine Lücke
reißt. Er war nicht Revolutionär und Wege-
bahner und wußte doch mit den neuen Not-
wendigkeiten rüstig Schritt zu halten. Er nahm
von Alten und von Neuen nur das, was sich
mit seinem Wesen und Können vertrug. Weder
sein Lehrer Albert Keller noch die Pariser
Akademie Julien, wo er eine Zeit lang studierte,
haben wesentliche Spuren in seinem Schaffen
hinterlassen. Stark hat dagegen Leibi auf ihn
gewirkt; noch in späten Bildern wie den „Poli-
tikern von 1847" oder in dem illustrativen
„Tapferen Schneiderlein" spürt man Anklänge
an die Kompositionsweise von Leibis Frühzeit.
Endgültig gestaltet hat er sich dann am Schaffen
seines Freundes Hodler, ohne aber je die
Grenzen zu überschreiten, die sein männlich
derbes und sinnlich klares Wesen unterscheiden
von der spröden Bewußtheit Hodlers, seiner
kalten Geistigkeit und seinem wesentlich be-
deutenderen Willen. Seine Gemälde sind
öfters ins leichthin Dekorative abgeglitten, wo
Hodler sich innerlich zusammenhielt und ins
Monumentale steigerte. Dafür aber bietet
Buri all das reine und schöne Genügen, das
für uns aus der Berührung mit einer positiven
und reingestimmten Menschennatur fließt. Wo
er seine Gefahren, das Dekorative und das
Anekdotische, vermieden hat, da war Buri vor-
trefflich. Das gilt besonders von seinen Dar-
stellungen der Schweizer Berge und Menschen,
über die das mächtige Behagen einer tiefen
Heimatliebe ausgebreitet ist. Sein Blick sieht
diese erdnahen Menschen in ihrer starken In-
dividualisierung, aber er weiß sie bemerkens-
wert zu steigern, bis aus diesen Formen ein
Gefühl von unentrinnbarem, notwendigem Sein
spricht. Die Schweiz verliert in ihm einen
ihrer beliebtesten Künstler, die deutschen
Kunstausstellungen einen häufigen und will-
kommenen Gast......... WILHELM MICHEL.
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