Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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ALBERT WEISGERBER t MÜNCHEN.

Weisgerbers künstlerischer Nachlaß soll,
soviel wir wissen, ausführlich und als
Ganzes veröffentlicht werden. Wer die Aufgabe
übernommen hat, dem muß, wenn er vor den
Stapeln unvollendeter, weggestellter Bilder
steht, die zu einem Teil nur der Laune des
Künstlers harrten, um wieder vorgeholt zu wer-
den, zu einem andern von ihm sicherlich ver-
gessen oder beim ersten Wiedersehen allzu-
streng verworfen worden wären, in jedem Au-
genblicke sich der Schmerz erneuern, daß es
diesem wahrhaft begnadeten Künstler nicht
Vergönnt war, stärker und noch mehr in sich
gesammelt aus diesem Kriege heimzukehren,
dem er mit der ganzen Inbrunst seines Wesens
a es hingab, was in ihm war. Doch der Reich-
,U™ des Vorhandenen, die Freude, diese erst
^a gehobenen, noch nicht ganz ans klare Licht
es t ages gebrachten Schätze deuten zu dürfen,
S*^5 ^eni Forscher bei der Arbeit — deren
. Wler^e't jeder zu schätzen weiß, der diesen
nur umfangreichen, sondern auch unerhört
lelseitigen Nachlaß gesehen hat und daran

denkt, daß nunmehr manches, was nur als Vor-
stufe gelten sollte, an Stelle des endgültigen
Erreichten stehen muß — ein verklärendes Ge-
fühl sein, aus dem er und diejenigen, die als
Frucht seiner Arbeit das Bild des Künstlers
verdeutlicht und zu einem gewissen Abschluß
gebracht besitzen werden, so etwas wie Trost
schöpfen können.

Was wir heute zu sagen wissen, kann in
keiner Weise abschließend sein; es sind nur die
Bemerkungen eines, der von der Kunst Weis-
gerbers seit der entscheidenden Wendung, die
sie nahm, von Jahr zu Jahr tiefer berührt war,
und der jedes neue Werk von ihm mit Spannung
erwartete, weil hier — trotz allem Vorbehalt,
der noch zu machen war — etwas zu nahen
schien, was kommen mußte, wenn anders sein
und vieler Gleichgesinnter Glaube an die Zu-
kunft der deutschen Kunst, an den inneren Sinn
der Entwicklung kein Irrtum war. — Heute ist
es erlaubt und richtig, von den Vorbehalten nur
wenig zu reden. Wer Weisgerber versteht,
weiß, daß sie nicht das Wesentliche treffen;

APr» 1916. l

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