Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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^ndschaft, darüber der Himmel in allen Schat-
lichT6611 lachendes Blau ausstrahlt. Die herr-
liert Gestalt hält in ihren prächtig model-
ql en'Plastischen Frauenarmen das gepflückte
GelV e'ne Symphonie von Violett, hellem Grün,
big ' ,(~>ranße- Die Unmittelbarkeit der far-
Und ^unS ergreift wie eine Naturgewalt.

T doch He gt schöne Mäßigung im Vortrage.
We ki'6 bewegte Linie der aufrecht stehenden
den p°hen Gestalt im -Windstoß" beherrscht
Sc/1 ^'ndruck des Bildes. Wenn auch Land-
so V UtlC* ^'Sur jedes ein Leben für sich führt,
Gl • u docn beide in wohltuendem inneren
derM^eW'dlt zu einander. Auch hier bildet
^ärchenklang der Farbe die Vermittlung.

Der warme, dunkelleuchtende Körper erhält
seinen Nachhall und Gegenwert im sonnenbe-
schienenen Fels des Hintergrundes. Die Hal-
tung des Ganzen ist bewegt, aber nicht auf-
geregt. Es ist ein Rhythmus und eine Musik in
dieser Bewegtheit, die der Künstler aus dem
Urquell empfundener Schönheit geschöpft hat.

Die trunkene Weltlust der Kunst Hans Ungers
würzt durch ihren Duft unsere Phantasie, ohne
sie betäuben zu wollen. Mit immer vervoll-
kommneteren Mitteln vollzieht der Künstler
seine Entwicklung von innen heraus, mit einer
Selbstachtung, die das Bewußtsein in sich trägt,
Werte zu schaffen, die in sich selbst ihren
Maßstab finden............ hugo zehder.

E

DAS AUGE DES MALERS.

s gibt keinen feineren, empfindsameren,
leistungsfähigeren Apparat als das mensch-
w,he Auge. Alles, was die Wissenschaft an
b nderbaren Instrumenten ersonnen und ge-
yaUt nat, ist stümperhaft vor dieser genialen

stereinigUng

von höchster Leistung und höch-
sMi ^'n^achheit. Die optischen Instrumente
^ en nur eine grobe Nachahmung dessen vor,
^ "n Auge unerreichbar vorgebildet ist.
les gilt vom menschlichen Auge als einer
^ ysiologiscben Einrichtung, als einem Teil des
ar°rPers- Ungleich geheimnisvoller und groß-
des^S1 nocn 'st a'3er d'e eigentliche Apparatur
sch s' die auf der Verbindungsstraße zwi-

aüjen dem sinnlichen Organ und der Seele
nu ges*eHt ist und die jene psychische Erschei-
Au ~,Zustande kommen läßt, die wir mit dem
^ ^druck „Wir sehen" bezeichnen. Was in der
^asenWelt eine Wellenbewegung des Äthers,
2ü ^ Auge eine chemisch-physikalische Rei-
wüßt !nster Nerven, das wird vor unserm Be-
"^ünd86111 plötzlich zu Licnt und Farbe — ein
die barer, unerklärlicher Vorgang, der durch
FarbUngeneure Vielfältigkeit der Licht- und
lichjje!leniPfindungen, durch die endlosen Mög-
aHer A*en ^er Verknüpfung mit Vorstellungen
noch 1! mit Empfindungen und Gefühlen, nur
Reicht rer Unfaßbarkeit gewinnt. In dieses
schaft er Wunder hat die menschliche Wissen-
zelbeo^rst wenige Schritte tastend getan. Ein-
dfängenacl}tunÖen sind genug gemacht, täglich
^isSens ,SlCn uns solche auf. Aber wie sie
sind, ^Üch zu deuten und einzuordnen
alles no £ e Gesetze hier herrschen, das liegt
getlden Sehr im Dunkeln. Was ich im fol-
auch nicht 6r ^as Malerauge sage, ist darum
°l)acl1),._ mehr als eine Kette von Einzelbe-

üngen,

als eine Kette von Einzelbe-
von mehr oder minder geahnten

■ > vUn mehr oder minder geahnten

......

......■.....

Zusammenhängen und Gesetzmäßigkeiten. Eine
vollgenügende wissenschaftliche Erklärung soll
und kann noch nicht gegeben werden. —

Obwohl das Auge als Körperteil bei allen
Menschen, wenn wir von den Weit- und Kurz-
sichtigen, den Astigmatischen, den Farbenblin-
den absehen, im großen Ganzen gleich gebaut
und eingerichtet ist, walten in der Art des
Sehens große Unterschiede. Wenn hundert
Menschen mit normal gebauten Augen vor einer
und derselben Landschaft stehen, so erblickt
sie doch ein jeder anders. Dem einen erscheint
sie heller, andern trübe, dieselben Farben
leuchten oder sind stumpf, der sieht Wiesen,
jener Gräser, der lauter runde, jener eckige
Formen, von ruhevoller Harmonie bis zu stür-
mischer Aufgeregtheit, jeder Eindruck beinahe
ist aus derselben Landschaft zu entnehmen.
Man kann das Auge mit einer Stimmgabel ver-
gleichen, die leise mitschwingt, wenn der Ton,
auf den sie gestimmt ist, in ihrer Nähe erklingt.
Jedes menschliche Auge ist so auf einen andern
Ton gestimmt; und jedes hört darum aus der-
selben Landschaft, diesem Meer von Tönen,
einen andern Ton, eine andere Weise heraus.

So gibt es also unter den menschlichen Au-
gen allerlei Spezialitäten; manche sind außer-
ordentlich trainiert auf das exakte Sehen. An-
dere zeichnen sich mehr durch ihre psychische
Empfindlichkeit aus, die Psyche fühlt durch das
Auge, jeder kleinste Eindruck läßt das Auge
in Freude oder Pein erbeben. Sagen wir nicht,
solche Augen seien minderwertige Organe! Die
Seele hat an ihnen ein saitenreiches, feinge-
stimmtes Instrument, womit sie in das Reich
der Erscheinungen hinausfühlt, um den Ge-
fühlen Nahrung und Genuß zu suchen.

Das Auge des Malers stellt ebenfalls eine

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