Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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KÜNSTLERISCHE ERZIEHUNG.

Die glänzenden Erfolge unseres Kampfes
gegen den Erbfeind vor 40 Jahren stellten
unserem Volke nach dem Friedensschluß mit
Frankreich die höchsten Aufgaben auf allen
Gebieten des Wissens, der Technik, des Han-
dels, der Kunst und der gewerblichen Arbeit.
Mit außerordentlicher Energie wurde eine neue
Arbeitsperiode unseres Volkes eingeleitet und
durchgeführt, die auf erkämpften Bahnen sieg-
reich und erobernd vordrang, bis ein neues Halt
unserer Feinde uns zwang, der. Pflug beiseite
zu stellen und das Schwert zur Verteidigung
unserer Rechte, unseres geistigen und wirt-
schaftlichen Lebens zu ziehen. Diese uns auf-
gezwungene Pause in dem friedlichen Ringen
um die Ausbreitung deutschen Wesens und
deutscher Arbeit ist gleichsam ein gewaltiges
Atemholen, ein Sichbesinnen in dem rastlos
stürmenden Wettkampf der Geister, auf unser
Tun, auf unsere Fehler und auf alles das, was
die besonderen Vorzüge unserer Art zu unter-
graben drohte. Der gewaltige Kampf, der uns
umtobt, hat viel Kleines, viel Eigenwilliges und
Kompliziertes in unserem Tun hinweggefegt,
hat uns größer denken gelehrt und uns in den
Stand gesetzt, auch objektiver über uns selbst
zu denken. Auf allen Gebieten sehen wir da,
wo wir in Abhängigkeit vom Fremden waren,
den Kampf um Befreiung der deutschen Seele
geführt. Auf künstlerischen Gebieten, wo die
fremde Herrschaft ganz besonders fühlbar war,
wurden die strengsten und fruchtbarsten An-
strengungen gemacht, uns von englischer und
französischer Bevormundung zu befreien. All-
mählich begannen die gestaltenden künstleri-
schen Kräfte unseren Willen anschaulich zu
formen. Durch alle Stilarten hindurch war der
Weg gegangen, tastend, suchend, nach den deut-
schen, nach den künstlerischen Quellen der
Stilgestaltung. Der Krieg wird nach seinem sieg-
reichen Abschluß unser Volk deutscher machen.
Der Krieg hat uns bereits eine Wiedergeburt
unserer Art geschenkt. Er wird sie weiter ver-
tiefen, er wird uns neue Pflichten auferlegen
für uns und die übrigen Völker. Zunächst für
uns. Ein neues Geschlecht wird aus diesem
Kriege hervorgehen und dieses neue, das seine
stärksten Wurzeln in der heißen Liebe zum
Vaterlande hat, wird seinen Ausdruck finden
müssen in allem was wir tun und wird seine
Weihe und sein Wahrzeichen durch die künst-
lerische Form erhalten. An dieser Aufgabe

haben alle mitzuwirken, vornehmlich alle, die
zu Erziehern des Volkes, der Jugend, bestellt
sind. Vor allem auch die Künstler. Die allge-
mein bildenden Schulen haben an der Lösung
dieses Problems und zwar nicht nur in der
Geistesbildung und Formung, sondern auch an
dem künstlerischen Aufbau der Arbeit mitzu-
wirken, insbesondere die künstlerischen Hoch-
schulen, Kunstgewerbeschulen, Handwerker-
schulen, Gewerbeschulen und Fortbildungs-
schulen. Die künstlerische, die kunstgewerb-
liche Erziehung, die Erziehung zur Beherrschung
und Anwendung künstlerischer Grundsätze in
der Gestaltung des Werkes wird die bereits
vor dem Kriege beschrittenen Bahnen, die auf
Abstreifung alles Fremden, auf die Läuterung
des Geschmackes, auf die sachliche Lösung der
Aufgaben, auf die künstlerische Durchbildung
der Form abzielten, weiter verfolgen können.
Nur muß alles innerlicher werden, vom äußer-
lichen sich mehr abwenden. Aus einem gestei-
gerten Innenleben, aus dem Verstehen und Be-
greifen unseres Wesens, wird sich nur die
Deutsche Form herausbilden können, die die
neue Zeit anschaulich macht und der Zeit den
Stilcharakter geben soll. Künstlerische Arbeit
ist individuelles Schaffen. Die Erziehung wird
also dem Einzelnen größten Spielraum lassen
müssen, aus sich heraus zu werden und die Er-
ziehung wird sich auf sehr vorsichtig abge-
wogene Ratschläge zu beschränken haben. Je
verwandter die geistigen Kräfte der Einzelnen
sind, um so verwandter werden die künst-
lerischen Äußerungen sich gestalten und um-
somehr wird das gesamte Bild der einzelnen
Erzeugnisse harmonisch sein. Den Kunst-
erziehungsanstalten dürfte deshalb die Pflicht
erwachsen, neben der künstlerischen Erziehung
ihren Schülern eine geistige Entwicklung zu er-
möglichen, zumal die Begabungen nicht an die
Schulsysteme gebunden sind und aus den aller
verschiedensten Schichten mit mehr oder we-
niger Bildung die Kunst ihre Jünger erhält.
Unser Leben wird neue Inhalte erhalten, dessen
Formen aus der Erkenntnis ihrer geistigen Ur-
sachen und Wirkungen heraus zu bilden sind.
Jede zu lösende Aufgabe wird demnach zunächst
in ihrer Bedeutung erschöpft werden müssen,
ehe ihre formale Lösung erfolgt. Und Begreifen
wird dem künstlerischen Empfinden und Ge-
stalten vorangehen. Hieraus ergibt sich auch die
Fruchtbarmachung des Tatsachensinnes und das
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