Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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Wie Frankreicks Kunstgewerbe führend wurde.

WEISGERBER t
GEMÄLDE
>SOMMF.R-

NACHMITTAG«

lerisch so gut ausgeführt sein, daß es durch
seine Form auch fremde Staaten und Menschen
gewinnt. — Die angewandte Kunst der letzten
Jahrzehnte: unsere Bahnen und Schiffe, unsere
amtlichen Festveröffentlichungen und Veran-
staltungen, alle Bauten und Möbel, unsere Ge-
sandtschaftspaläste und Arbeiterwohnungen
sollten in jeweils bester Form das Ansehen
deutschen Wohlstands und deutscher Art heben,
so viel wie möglich. Das aber war auch das
Prinzip der Architekten, Ingenieure, Kunst-
gewerbler des letzten 17. Jahrhunderts. Der
Luxus in den Schnitzereien der Kriegsschiffe
und Galeeren des Sonnenkönigs, der ganze
Luxus des Hofes war ja durchaus nicht Selbst-
zweck, nicht Laune und Spiel, war immer best
formulierte Rede von der Wohlfahrt des Lan-
des, von der hohen handwerklichen, techni-
schen, kulturellen, künstlerischen Bildung des
ganzen französischen Volkes. —

So verbindet derselbe Wille den Staat des
extremsten Absolutismus mit dem modernen
deutschen, durch und durch sozial beherrschten,
konstitutionellen Staat. — Doch das wäre nicht
genug, um die Arbeitswege jener Zeit der un-
seren als best gangbare vorzuschlagen. — Ge-
meinsamist beiden, so weit auseinander liegen-
den Zeiten, der glänzende wirtschaftliche Auf-
schwung. Wie jener oft als Leichtsinn getadelte
Luxus der Hofhaltung des Königs Ludwig in
der Tat nur Resultat langen glänzenden wirt-
schaftlichen Aufschwungs war, so durften wir

uns in den Jahrzehnten des Friedens eines
Wohlstands erfreuen, über dessen Größe erst
die Opfer der Kriegsjahre uns die Augen ge-
öffnet haben. — Und wer will glauben, daß
dieser wirtschaftliche Erfolg nun hinter uns läge ?
Wer kann anderes — nach wenigen Jahren —
erwarten, als daß der Ruhm von Deutschlands
innerer Kraft und Schulung sich bald in größten
Erträgnissen aus dem Weltverkehr fühlbar
macht? — Nur wenn das nicht wäre, wäre der
Hinweis auf die alten bewährten kunstgewerb-
lichen Wege Frankreichs überflüssig. — Was
war nun eine der wichtigsten und glücklichsten
Taten eines Lebruns, des eigentlichen Schöpfers
des Stiles Louis XIV. ? — Er machte die
Künstler frei von der Zunft und führte sie zu
einheitlicher Arbeit in den „Königlichen Werk-
stätten". 1663 wurde Lebrun Direktor der
„Manufactures des Gobelins".

Diese „Manufaktur" stellte nicht etwa nur
die Teppiche des Königs her, sie war die Haupt-
Werkstätte für den künstlerischen Bedarf der
Schlösser und des Staates. Gleichzeitig war
sie die Kunstschule für Maler, Bildhauer, Kunst-
gewerbler, Künstler aller Art, Kupferstecher,
Goldschmiede , Möbelzeichner , Dekorateure,
Weber, Schiffsbauer usw. — Lebrun hatte die
Oberaufsicht; er mochte für das Meiste erste
Skizzen entworfen haben, große Künstler unter-
warfen sich seinen Ideen, Lernende und tüchtig
geübte Könner führten seine Werke aus. —
Es ist zweifellos, daß eine solche Zentralisation
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