Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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MENSCH UND KÜNSTLER.

Wie verhält sich im Dichter, Musiker oder
Bildner der Mensch zum Künstler? —
Diese Frage hängt unmittelbar mit einer zweiten
zusammen: welchen Rückschluß gestattet ein
Kunstwerk auf das Wesen seines Urhebers?

„Ein Apfelbaum trägt Äpfel, ein Eichbaum
Eicheln." So einfach beantwortet sich die Frage
nun doch nicht. Die Weisheit auf der Gasse
mag bei einem ernsten Kunstwerk auf einen
trübsinnigen, bei einem heitern auf einen leicht-
fertigen Künstler raten, oder gar bei einem
Kunstwerk, je nachdem es „moralische" oder
„unmoralische" Stoffe behandelt, sein Urteil
über die Moral des Künstlers fällen; jede ein-
sichtige Beschauung überführt diese naive Mei-
nung ihres Irrtums.

Das Kunstwerk ist nicht notwendigerweise
nur der Ausfluß jener geschlossenen Einheit,
die wir als unser Wesen empfinden, es kann
ebensowohl das Produkt unserer konträren
Sehnsucht sein, oder auf neutralem Gebiet er-
sprießen und blühen. Es ergeben sich somit
drei Möglichkeiten:

1. Das Kunstwerk deckt sich mit dem Wesen
seines Urhebers,

2. das Kunstwerk steht im Gegensatz zum
Wesen seines Urhebers,

3. das Kunstwerk besagt weder bejahend,
noch verneinend etwas über das Wesen
seines Urhebers.

Ich denke in allen drei Fällen nur an freigewählte

Aufgaben des Künstlers und sehe natürlich von
allen unkünstlerischen Nebenabsichten ab.

Der erste Fall, die Übereinstimmung,
mag ebenso bei einem Menschen vorherrschend
zutreffen, der mit seinem Fühlen, Denken und
Wollen im Leben und in der Kunst nur eine
Seite der Welt begreift, als bei einem umfassen-
den Genie wie Goethe, in dessen Werken
sich die reiche Vielfältigkeit seines Wesens und
seiner Lebensanschauung spiegelt.

Der zweite Fall, der Widerspruch, kann
ebenso bei einem in der Gärung begriffenen
Schwärmer, als bei einem Menschen zutreffen,
der in sich zur Reife gelangte. Nietzsche,
der so unermeßlich tief am Leben litt, hat sich
in den heiteren, lichten Perspektiven seiner ja-
sagenden Philosophie einen Gegenwert ge-
schaffen. Mag man darin eine komplimentäre
Ergänzung erkennen, oder eine Überwindung
konträrer Lebensströmungen und die Erstehung
eines Gefühles aus seinem Gegensatz: immer
wird eine solche Kunst nicht das gegebene Sein,
sondern das Verlangen nach einem Anderssein
offenbaren, auch wenn diesem Verlangen, das
„Werde, der du bist" als Ideal vorschwebt.

Der dritte Fall endlich, die Indifferenz,
läßt deshalb keine entscheidende Folgerungen
auf das Wesen seines Urhebers zu, weil hier
mehr ein freiwaltender Spieltrieb als ein zwin-
gendes seelisches Bedürfnis nach einem be-
stimmten Ziel sich produktiv erweist.

■ Juli 1916. 1
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