Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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FRIEDRICH PIETSCH-STEINSCHONAU.

NACH ENTWÜRFEN VON PROF. A. BKRKERT.

ÖSTERREICHISCHE KUNSTGLAS-AUSSTELLUNG IM
KUNSTGEWERBE-MUSEUM BERLIN.

Mannigfache und viele Blütezeiten hat die
Glasherstellung seit Alters her erlebt.
Nirgends aber sind alle Möglichkeiten für die
Herstellung und künstlerische Ausgestaltung
des Glases so lange geübt und so eingehend
vervollkommnet worden, als in Haida—Stein-
schönau, welches schon im Jahre 1047 die Glas-
herstellung aufgenommen hat. — Schon im
vorigen Jahrhundert zur Blüte höchster Voll-
kommenheit gelangt, ist die Böhmische, und die
Haida-Steinschönauer Glasindustrie zur Lehr-
meisterin für alle die fremdländischen Gläser
geworden, welche lange Zeit als Original-
Schöpfungen bewundert, sogar die Vorzüge und
Schönheiten der böhmischen Gläser verdunkelt
haben. — Jahrzehntelang sind es böhmische
Glasmacher und Glasarbeiter gewesen, welche,
von fremden Ländern aufgenommen, das Kön-
nen ihrer heimischen Glasindustrie dem Aus-
land zugetragen haben.

Nicht sei es verkannt, daß eigener Geschmack
und eigenes Kunstgefühl dieser Länder viel
Vollkommenes geleistet, und die ausländischen
Glasindustrien zu reicher Entfaltung gebracht
habe, nicht sei aber vergessen, wo das Erbe der
römischen und venezianischen Glasblüte ange-

treten wurde, und wo zuerst und in mannig-
fachster Weise das erstrebt und erreicht wurde,
was wir Kunstgewerbe des Hohlglases
nennen können, nämlich in Haida-Steinschönau.

Alle die heute hochentwickelten Techniken
der Neuzeit, des Schleifens, Kugeins, Gravie-
rens, der Bemalung, des Überfangens und der
Ätzung, sowohl in technischer, als auch in
künstlerischer Beziehung — als empirische An-
wendungen aus Altertum und Mittelalter über-
nommen — fanden ihre Neuschöpfung, Ausge-
staltung und Vollendung in 150 jähriger Arbeit
des Glasvolkes Haida-Steinschönau.

Der Krieg hat uns gelehrt, so manche fremd-
ländischen Götzen bei Seite zu schaffen, und
uns auf unsere eigenen Leistungen zu besinnen.
— Auch was in Glas und Glasgewerbe von den
Westmächten kam, wurde stark überschätzt. —
Käufer und Kunstästheten führten gar zu viel
Schlagworte, wie „ Französisches Cristal", „Eng-
lischen Schliff" und dergl. als Kaufbedingung,
so daß hierüber Kunstformen, künstlerisch aus-
gebildete Techniken und Eigenschaften ver-
gessen zu werden drohten, welche unter dem
Sammelnamen „Böhmische Gläser" mehr
vom Sammler und Kunstverständigen, als vom

XIX. Juli 10,6 5
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