Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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Vom Schreiben und Lesen.

sieren, zerlegen, an ihnen deuteln; eine Tätig-
keit, die — nie hat eine Zeit ihr so sehr gehul-
digt wie die unserige — aus ihrem Mangel an
Hochachtung vor allem Geschaffenen direkt ans
Unmoralische streift, noch nur mit dem Gefühl
von allen Zeiten und Schulen den Schaum
schöpfen, d. h. zum ästhetischen Epikuräer er-
schlaffen : Das schöpferische Lesen setzt sich
wie alle produktive Tätigkeit zu gleichen Teilen
aus Gehirn- wie Gefühlsvorgängen zusammen.
Nie werden wir mit dem Verstand allein alle
Tiefen eines Kunstwerkes erschöpfen, nicht
über seine Formfläche werden wir hinwegkom-
men. Haben wir mit dem Verstand jene Werke
gesondert, durch die gerade unser Inneres eine
Förderung erfahren kann, so ist das Gedächtnis
des Gefühls (das bis ins Transzendentale reicht)
zu Rate zu ziehen. Das ist produktives, das Ich
bereicherndes Genießen. Ein Genießen, wie der

Künstler genoß, als ihn die Stunde der Inspi-
ration zum Schaffen drängte. Natürlich können
auch nur in solcher Stunde gezeugte Werke zum
Nachschaffen einladen. Wer so genießt, wird
nicht alles in einer Zeit genießen können; er wird
genießen seiner inneren Entwicklung parallel,
wie der Künstler aus dieser heraus schafft. So
daß es kommen kann, daß er Jahre lang an
Werken vorüberging, die ihm scheinbar nichts
zu sagen hatten, und sie nun zu ihm reden mit
flammender Zunge....... klein diebold.

Ä

Man denkt nicht daran, daß alles menschliche Sehen
und Empfinden seine Grenzen hat, und daß
gerade das Schönste in der Kunst für sich allein be-
trachtet weiden will und muß. Jedermann hält sich
die Ohren zu, wenn zehn Drehorgeln zusammen jede
ein Stück für sich spielen, in der bildenden Kunst soll
alles in einem Magen Platj finden. . . Feuerbaeh.

WILHELM SCHULZ MÜNCHEN. KAKRICE ZEICHNUNG »IM WINTER« MIT GKNEHM. DES SIMPLIZISSIMUS-VERI.AGS.

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