Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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Erste Ausstellung der »Künstlervereinigung Dresden«

Lahmann-Denkmal, ist überaus reizvoll in der
kühlen Überlegenheit der Geste und Miene. Die
von Leben vibrierende Büste seines Vaters gehört
zu Wrbas vollkommensten Porträt-Schöpfungen.

Nach diesen drei Repräsentanten Dresdener Kunst
behaupten Eugen Bracht als Landschafter, Carl
Banker mit einem frisch bewegten Zug junger
hessischer Bauern im Walde ihren Rang. Ihre
eigene, sehr eigentümliche, farbige Struktur haben
die Malereien Paul Rößlers. Zwei Aktbilder,
auf denen inmitten einer geradezu mystisch bren-
nenden Farbigkeit die Leiber in kühlen Farben
schillern, lassen die ungemeine Kraft Rößlerscher
Monumentalentwürfe ahnen. Der Führer der mitt-
leren Generation ist Richard Dreher. Nach
seinen bedeutenden Leistungen als Impressionist,
seinen innerlich van Gogh verwandten Landschaften,
zeigt sich der Künstler in dieser Ausstellung neu
gewandelt. Graphische Landschaftsdarstellungen der
lerjten Zeit deuteten diese Wandlung schon an. Sie
ging auf stärkste Innerlichkeit, Vereinfachung, Zu-
sammenfassung in kräftigem Umriß. Die drei neuen
Bilder sind schon schöne Ergebnisse der neuen
Entwicklung dieses wirklich schöpferischen Künst-
lers. Ein Stilleben „Alpenveilchen" in Rot, Blau,
Grün, in seiner reinen naiven Ausdruckswelt führt
zu den beiden überraschenden Winterbildern hin:
Ein zwischen verschneiten tannenbestandenen Hü-
geln hinsausender Schlitten, mit roten Pferden be-
spannt, die andere tief verschneite Landschaft mit
Krähen, Reh, Kirchlein im Hintergrunde. Sie haben
die Verträumtheit von Märchenlandschaften: Ein
malerischer Expressionismus, der über alles Formale
hinausgekommen ist und Landschaften der Seele
gestaltet. Diese drei Werke Drehers gehören in
der Herzlichkeit ihres Ausdrucks und der maleri-
schen Selbständigkeit zu den stärksten Erlebnissen
der Ausstellung. Aus Drehers Generation ist Ernst
Richard Diethe zu nennen, der neben einigen
kräftigen, etwas derben Landschaften das ungewöhn-
lich eindringliche Bildnis des in Paris gestorbenen
Dresdener Malers Wilhelm Claus geschickt hat, ein
starkes, mit Liebe geschautes Menschenbildnis, wie
mit Blumen der Erinnerung geschmückt. Liebevolle
Erzgebirgslandschaften voll eigener herber Poesie
malt Buchwald-Zinnwald, Meyer-Buchwald
lockere, oft glückliche Porträts. Stärker als sie
ist Anton Cilio-Jensen, dessen Blumen in
ihrer von Licht vollgesogenen Farbe köstlich duften.
Blumen bleiben auch das schönste in seinen Porträts.
Frische Stadtbilder von Fritj Beckert, sehr ge-
schmackvolle Interieurs von Hans Ufer, Georg
Gelbkes feines Gläserstilleben, ein lichter, zarter

Mädchenakt von Bernhard Müller, ein zarter,
dunkler Akt von Rudolph Otto, ein dekoratives
Bildnis Joh. Walter-Kuraus, das ist vielleicht
an Gutem noch hervorzuheben.

Ein Wort für sich verdienen die Jüngsten.
Richard Dreher ist auch zugleich ihr Führer. Der
Kühnste ist Felix Müller, der zum „Sturm"
gehört. Höchst ungewöhnliche Graphik hat den
Namen des jungen Künstlers über Dresden hinaus
schon bekannt gemacht. Das erste Bild, das man
von ihm sieht, eine Atelierszene, in der er sich
selbst porträtiert hat in kämpferischer Stellung drei
jungen Herren gegenüber, ist klar in der Zeichnung,
sanft in der Farbe, in seiner Art dem fast zarten
Pechstein der Ausstellung verwandt. Noch zeigt
sich Müller im Zeichnerischen stärker als im Maleri-
schen. Daß er aber zu den hoffnungsvollsten Be-
gabungen der jüngsten Dresdener Generation ge-
hört, ist außer allem Zweifel. Wilder gebärdet sich
August Böckstiegel. Sein Pinsel arbeitet wie
das Schnitjmesser des Holzschneiders, ein Waldbild
und besonders ein großes Offiziersporträt vor rot und
blau geteiltem Hintergrund zeigt aber seine starke
malerische Kraft, die sich jetjt noch austobt. Un-
gewöhnlich in seinen visionären, rollenden Gebärden
ist ein Abendmahl von Arthur Rudolph. Stiller,
ganz Farbe sind die Porträts C. v. Mitschke-
Collandes, sehr frisch und sicher, reich an Ent-
wicklungsmöglichkeiten die beiden Stilleben Bern-
hard Kretzschmars. Joseph Hegenbarth
ähnelt irgendwie dem Wiener Kokoschka.

Unter den Plastikern kann neben Wrba eigent-
lich nur Arthur Lange bestehen. Sein großer
Akt „Diana", eine schlankgliedrige, eilende, kühle
Frauengestalt, hat etwas stark Musikalisches. Voll
feinstem Leben ist der kleine Marmor „Delphin",
köstlich in seiner Reliefwirkung, von reinstem Zu-
sammenklang. In der Liebesgruppe „Morgen"
ist dieses restlose Zusammengehen von Innen und
Außen nicht völlig erreicht. Das übrige, was die
Dresdener Bildhauer zu bieten haben, viel tüchtige
akademische Leistung, vermag gegen diese Werke
und gegen das, was die Barlach, Gaul, Huf, Klinger,
Lederer, Lehmbruck, Sintenis, Tuaillon geben, nicht
aufzukommen. Hier muß schmerzlich der Toten
gedacht werden. Zwei der stärksten jungen Be-
gabungen, die Wrba-Schüler Oskar Döll und
Paul Pils, sind im Kriege gefallen. In ihnen
wuchsen zwei reich begabte kraftvolle Bildner heran.

Die Erneuerung des Dresdener Kunstlebens
kommt einer würdigen Generation zugute. Sie ver-
bürgt einen Aufschwung des künstlerischen Schaffens
nach langer, ziemlich stiller Zeit, alfred Günther.
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