Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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Los vom »man« !

Gefahr, an Ansehen zu verlieren? — „Man"
herrscht ewig vor und in und nach allen Revolu-
tionen der Meinungen, der Einzelnen, der Ver-
bände. Aber „man" trägt beständig ein neues
Zeichen, verbrennt ohne Bedenken das alte
Panier, zeichnet ein neues — und immer wieder
folgen sie „man", dem Diktator „man", dem
Popanz, dem Teufel. Denn wer zum andern
sagt „man trägt sich jetzt so und nicht anders",
malt dem andern den Teufel an die Wand. Das
Erkennungswort des größten Geheimbundes
heißt „man". Wirkt immer Macht-suggerie-
rend, Ansehen, Gefallen. —■

Kennt „man" keine Grenzen, so ist ihm doch
Modeland — das liebste Land. Mit Recht.
Sobald einmal einige Hundert es wagen, ihre
Kleidung zur bisherigen Mode in entschiedenen
Widerspruch zu setzen — folgt „man" eben

dem neuen Geschmack. Freilich schließlich
klagte wohl noch jede neue Modeschöpferin:
die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los.
— Denn niemand anderes als „man" tötet auch
hier den Geschmack, die Mode, den Stil. Denn
was der und der aus reifer persönlicher Er-
wägung vom ersten Anreger annahm, trave-
stiert „man". Niemals die bedingte, kritische
Gefolgschaft. Das tritt nicht nur bei Kleider-
moden hervor, das wird auch bei Seh- und
Malmoden deutlich. Denn alles Neue entsteht
gleichzeitig in verschiedenen vorzüglichen Gei-
stern. Jeder sucht und liebt eine Variante für
sich. Moden solcher Art — hier im Sinne von
Stil gebraucht — beruhen also nicht auf Assi-
milierung oder Mimikry. Es ist in jedem ein-
zelnen Neuerer gerade das Gegenteil: „Dis-
soziation". Dies strebende Gefühl kennt „man"

ALICE TRÜBNER \ KARLSRUHE. -PUPPE UNTER GLASSTURZ« IM BESITZ DER SAMMLUNG GEIGER IN KARLSRUHE.
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