Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 38.1916

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LOTTE PKITZEL MÜNCHEN.

»DETAIL EINER VITR1NF.NKIGUR«

NEUE PUPPEN VON LOTTE PRITZEL.

Es dauert nun schon eine Reihe von Jahren,
daß wir diesen Vitrinenpuppen begegnen.
Sie waren von vornherein durch feine Eigen-
tümlichkeit überraschend. Doch bei Dingen,
bei denen das anreizende Erlebnis so zugespitzt
und die Form darum so speziell ist, besteht die
Gefahr, daß sie auf die Dauer — trotz ihrer
gewissen überschwänglichen Weite — auf irgend
eine Weise belanglos werden. In der Tat schien
es in jüngster Zeit einen Augenblick, als sei
die Formel, die von der Künstlerin gefunden
und die in einem sehr künstlerischen Sinn pikant
war, allzu stereotyp geworden. Die Dinge folg-
ten einander, ohne merklich zu steigen. Das
war, so tief ergötzlich die einzelnen Dinge mit
der etwas preziösen Unermüdlichkeit ihrer be-
sonderen Erotik für graziös und intrigant erregte
Augenblicke auch sein mochten, als Inbegriff
einer künstlerisch gesonnenen Leistung ein
wenig peinlich. Denn Sachen mit dieser Pointe
ertragen keine Häufung. Sie sind zu epigram-
matisch, um wiederholt — geschweige ohne
fühlbare Variante wiederholt zu werden: wenig-
stens für eine Empfindung und für ein Kunst-
gefühl, die schwerer sind. Nun ist es sehr ange-

nehm, zu sehen, daß sich die von Lotte Pritzel
geschaffene künstlerische Möglichkeit durch
neue Wendungen des Intimen und durch fortge-
bildete, organischer begriffene Form als etwas
Lebendiges behauptet. Es handelt sich nicht um
eine neue Grundform. Das Schema für das künst-
lerische Wollen steht wohl fest — wiewohl es
nicht uninteressant und vor allem gar nicht un-
wahrscheinlich wäre, Lotte Pritzel einmal bei
anderen Versuchen zu begegnen: vielleicht wir-
ken ihre Puppen ja gerade deswegen so künstle-
risch, weil ihr Talent im Grunde gar nicht auf
diese besondere Möglichkeit beschränkt sein
mag, sondern jenseits dieser Mischung von
Plastik und moussierender Fingerspitzenarbeit
einer sublimen Modistin eine reine Formplastik
hervorzubringen vermöchte, etwa im Porzellan
oder im Feinmetall oder im Ton. Wie dem sei:
die neuen Puppen sind von reiferer Durchbil-
dung. Sie haben vielleicht etwas von dem Reiz
allererster Primitivität eingebüßt, der die An-
fänge bezeichnete. Sie sind versierter und ge-
rade darum in gewissem Sinne nicht mehr so
bestechend. Auch ist in dem, was als höhere
Durchbildung erscheint, wohl manche Kurve

XIX. September 1916. 7
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