Heidelberger Volksblatt — 6.1873

Seite: 317
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r. 79.

Mittwoch, den 1. Oktober 1873.

6. Jahrg.

eſcheint Mittwoch und Samſag. Prees monatlich kr. Einzelne Nummer à kr. Man abonnirt n der Druckerer, Scheigeſſe 4
und bei den Trägern Auswärts bei den Landboten und Vetonſalten.

Zu ſ p ät!

Novelle von Clariſſa Lohde.

Erſtes Kapitel.

vornehmen Ausſehen ſchien allerdings die ab und zu
auftauchende Annahme, daß ihr Vater ein vornehmer
Herr ſei, der die Mutter nach kurzem Liebesglück ver-
laſſen, zu beſtätigen. Die Klatſchſchweſtern und Baſen
klopften gar oft vertraulich bei dem alten Schulmeiſter
an, um irgend etwas Näheres zu erfahren, aber ſtets
vergeblich. Das gute Antlitz Katterer's blieb immer
gleichmäßig freundlich, er lächelte ſtill, blieb aber feſt
dabei, Agnes' Vater ſei in fernen Landen geſtorben -
er ſelbſt wiſſe wenig von der Vergangenheit ſeiner
Couſine, die ihm, ihrem einzigen lebenden Verwandten
in ihrer Noth ihr Kind gebracht habe, als ſie den na-
henden Tod gefühlt. Unterdeſſen wuchs dieſes Kind
unter der ſorgfältigſten Pflege des guten Schulmeiſters,
der ſie wie ſeinen Augapfel hütete, zur ſtattlichen
Jungfrau heran. Von ernſtem Pflichtgefühl und tiefer
Dankbarkeit gegen ihren edlen Pfleger erfüllt, glaubte
Agnes, als ſie erkannte, wie ſie des alternden Mannes
Herz ganz ausfüllte, wie ſie die einzige Freude, die
einzige ſonnige Blüthe ſeines müh- und arbeitsvollen
Daſeins war, ihm ihren Dank nicht beſſer beſtätigen
zu können, als wenn ſie ſich ihm auf ewig und unwi-
derruflich verband, Sie wurde des Schulmeiſters Gat-
tin und theilte mit ihm ſein einfaches Leben, das gegen-
ſeitige Liebe und köſtlicher Friede zu einem freundli-
chen und glücklichen machte. Ein einziges Kind war
dieſer Ehe entſproßen - zur Erinnerung an ſeine
Mutter nannte der Schulmeiſter ſein Töchterlein Katha-
rina. Dieſes Kind war das ſchönſte Glück beider El-
tern. Der gute Schulmeiſter war völlig verliebt in
das immer holder und anmuthiger ſich entfaltende Ge-
ſchöpf, das als Schulmeiſters Käthchen in der ganzen
Stadt bekannt und beliebe war. Er that ſtets ihren
Willen, entbehrte ſelbſt Alles, um nur ſeinem Käthchen
das Schönſte und Beſte zu verſchaffen; ſie wäre auch
wohl ein recht verzogenes Kind geworden, wenn die
Mutter nicht mit ihrem verſtändig ernſten Sinn die
Erziehung ganz in ihre Hand genommen und der Milde
des Vaters feſten Ernſt entgegengeſetzt hätte. Sie
hielt mit Strenge darauf, daß Käthchen etwas Ordent-
liches lernte. Sie ſelber hatte jede höhere Ausbildung
entbehren müſſen und empfand bei der Klarheit und
Lebendigkeit ihres Geiſtes dieſen Mangel oft ſchmerz-
lich. Jhr Käthchen wurde daher in die beſte Schule
des Ortes geſchickt, welche der Prediger mit Hülfe ſei-
ner Schweſter, einer examinirten Lehrerin, leitete.
Zwar wurde es dem alten Ketterer mit ſeiner kleinen
Einnahme ſchwer, das für ſeine Verhältniſſe hohe Schul-

Es war Feſttag im Hauſe des Schulmeiſters. Jn
dem großen, von mächtigen Kaſtanien und Buchen be-
ſchatteten Hof des langgeſtreckten niedrigen Gebäudes
bewegte ſich eine jubelnde Schaar junger Leute.
Die liebliche Katharina, die einzige Tochter des al-
ten Ketterer, der ſchon ſeit dreißig Jahren die Mädchen
und Buben des kleinen Städtchens auf den Schulbän-
ken drillte, feierte heute ihren ſiebzehnten Geburtstag.
Der ausgedehnte Hof des Schuigebäudes war an
einer Seite von der Mauer einer alten Kirche des Or-
tes begrenzt. An den großen Quaderſteinen rankte ſich
grüner, üppiger Epheu hinauf, eine Niſche, in alten
Zeiten wohl für ein Muttergottesbild beſtimmt, war
von den Schulmeiſterleuten zu einer Art Laube umge-
wandelt worden. Blühender Kaprifolium und Hollun-
der nickten in das trauliche Verſteck hinein, in dem der
alte Ketterer mit ſeiner noch jngendlich ansſehenden
Gattin ſaß, mit ihr vereint dem Spiele der Jugend
zuſchauend.
Frau Agnes Ketterer, die Gattin des braven Schul-
meiſters, war keine gewöhnliche Frau. Sie mochte
wohl niemals ſchön geweſen ſein, aber aus ihren brau-
nen Augen leuchtete neben ſanfter Milde der Aus-
druck eines ernſten, beſtimmten Willens. Jhre Geſtalt
war hoch, ihre Bewegungen von ruhiger Würde, ihre
ganze Erſcheinung hatte etwas Vornehmes - man
konnte ſie kaum mit ihrer engen, einfachen Umgebung
in Einklang bringen. - Dennoch war ſie ſeit neun-
zehn Jahren die treue Gefährtin des mühſam um ſein
Brod ringenden und kämpfenden Schulmeiſters. Er
hatte ſie aufwachſen ſehen, hatte ſie in ſeiner Schule
ſelbſt unterrichtet. Jhre Mutter war als eine Wittwe
mit ihrem kleinen achtjährigen Mädchen in die Stadt
gekommen, um dort bald nach ihrer Ankunft zu ſter-
ben. Niemand hatte fie gekannt außer dem Schulmei-
ſter, deſſen weitläufige Verwandte ſie war und der ſie
bei ſich aufgenommen. Ueber ihre Vergangenheit wußte
Niemand etwas. Man munkelte zwar von allerhand
ſeltſamen Geſchichten, aber Niemand vermochte etwas
mit Beſtimmtheit zu ſagen. Das feine zarte Kind, die
Agnesimit ihren dunklen melancholiſchen Augen und ihrem
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