Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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Wohl bekomm's, Männer! Un alle Reſchbekt for
d'r deitſche Bierapotheek. Un do will ma d'r Cholera
mit d'r Desinfection zu Leib gehn! Un ſucht ſe in
d'r Luft! Un ſchtickt doch, wie Figurra Bierrezept
zeigt, wo ganz annerſcht! Jm Bedrug, in d'r Verfäl-
ſchung aller Leewensmittl! Uff dem Feld mißt d'r
Cholera en Schtrich durch die Krankheit gemacht werre.
Un vor allem: Bierunnerſuchung! - Drotz allemdem
dirfe mer uns nit ferchte, vor d'r Cholera. Norr
nit ängſchtlich, Männer! Folgendi Parabel dirft in der
Beziehung ihr Moral hawe: "Ein Muſelmann ritt ge-
mächlich auf ſeinem Eſel zur Stadt, als er plötzlich zu
ſeinem Schrecken bemerkte, daß Jemand hinter ihm auf
den Rücken des Thieres ſprang. Entſetzt blickte er um
und ſah eine widerliche Geſtalt, welche ſich an feinen
Rücken klammerte. "Wer biſt du?" fragte er. -
"Die Cholera." - Wehe mir! Was willſt du von
mir?" - "Daß du mich in die Stadt tragen ſollſt."
- "Das werde ich bleiben laſſen, denn du würdeſt
die ganze Bevölkerung tödten." - "Das werde ich nicht
thun, ich laſſe mit mir handeln." Der Türke faßte
Muth und begann wirkkich zu handeln." Es wurde
ausgemacht, daß die Cholera ihn ſelbſt, ſeine Familie,
ſeine Verwandten und Bekannten verſchonen müſſe,
und daß ſie überhaupt ſich blos achtzig Opfer auswäh-
len dürfe. Hierauf ritten ſie in die Stadt. Da aber
begann ein furchtbares Sterben; a erſten Tage ſchon
fielen achtzig Opfer und jeden Tag mehr. Das währte
lange Zeit. Endlich jedoch hörte das Sterben auf und
der Türke begegnete wieder der Cholera. "Du haſt
mich auf unwürdige Weiſe betrogen", ſagte er erzürnt;
"iſt es ſchön, ſein Wort auf ſolche Weiſe zu brechen?"
Die Eholera aber wurde ſehr böſe und rief: "Jch
ſchwöre bei Allah, daß ich mein Verſprechen gehalten
habe; ich habe nicht mehr als achtzig Menſchen getöd-
tet; die andern ſind uicht durch mich, ſondern durch
die Furcht vor mir geſtorben."
Um iwerigens nit ganz heit in d'r Cholera un in
de Bierrezept ſchtecke zu bleiwe, will ich eich zur Ab-
wechslung aah noch 's neiſchte Rezept for Mondſchein-
lieder zum Beſchte gewe. Wer e poetiſchi Ooder im
Leib hott, nemm's ein. Es laut:
Nimm einen Vollmond und zwei Sterne,
Drei Fahrewohl und vier Ade!
Fünf Seufzer in die weite Ferne -
Ein blaues Aug' und ſieben Weh'!
Zerſtoße dieſes mit acht Roſen,
Reun Veilchen und der Lilien zehn,
Und etwas Zwielichtsliebeskoſen,
Und laß es träumend dann vergehn;
Dann rühre etwas Abendröthe
Und etwas Lämmerwölkchen dran,
Und eine Nachtigallen-Flöte,
Und einen trauten Silberſchwan.
Nimm dann ein Liter Seegekräuſel
Und Waldesduft und Einſamkeit
und Südenhauch und Weſtgeſäuſel,
Und etwas Freud' und etwas Leid,
Und rühre dies mit Dichters Namen,
Mit einem blühenden Myrthenreis,
Und bringe es für zarte Damen,
Dann auf die Tafel glühend heiß.

D'r Nagglmaier
Es is e Glick, daß mer
e Waſſerleitung im Petto
hawe, Männerl Dann wie
nothwendig e gut Dreppl
Waſſer is, ſchbiere mer
gegewärtig norr zu deit-
lich! Mit was unſerm
unerbittliche Feind, der
uns immer un immer
widder uff de Hals rickt,
ſo oft mer'n aach ſchunn
ſiegreich in die Flucht
g'ſchlage - mit was un-
ſerm Dorſcht aweil in
die Flanke ricke? Mit
Bier? Seit ich 's neiſchte
Bierrezept geleſe, haw ich
ganz de Abeditt dran
verlore. Un deß laut
nocheme Auszug auseme
gedruckte Zirkular, deß
jetzt an die Bierbrauer
verſchickt werd, wie folgt:
"Berlin, Datum des
Poſtſtempels. Sacharin für Bierbrauereien. Das Sa-
charin hat ſich in kurzer Zeit in faſt ſämmtlichen
Bierbrauereien des Jn- und Auslandes eingeführt und
unzweifelhaft iſt es in der Hand des Brauers ein
Mittel von unbezahlbarem Werthe und jeder intelligente
Brauer iſt längſt zu der Ueberzeugung gekommen, daß
man ſich nicht an die alte Regel: "nur Malz und
Hopfen" binden kann. Das Sacharin iſt ein aus
nicht vegetabiliſchen Stoffen hergeſtellter flüſ-
ſiger Zucker. Mit bedeutendem pecuniärem Vortheil
verwendet man das Sacharin als Malzextrakt; 7 Liter
Sacharin erſetzen genau 1 Zentner Malz. Man nimmt
zu einem Gebräu von ca. 14 Zentner Malz nur 10
Zentner reines Malz, jedoch ſo viel Hopfen und Waſ-
ſer, wie zu 14 Zentnern Malz gehören und ſetzt für
die fehlenden 4 Zentner Malz 28 Liter Sacharin zu.
Matten oder verdorbenen Bieren wird pro Hectoliter
ca. 1-2 Liter Sacharin zugegeben; Biere, die bereits
ſauer ſind, werden durch ca. , Liter Natron per Hee-
toliter verſchönert und dann durch Zuſatz von Sacharin
auf den Süßgehalt gebracht. Der pecuniäre Vortheil
ſtellt ſich ſehr bedeutend, denn 28 Liter Sacharin koſten
faſt nur halb ſo viel als 4 Zentner Malz und zweitens
wird auch noch die Steuer erſpart, da Sacharin als
nicht zu beſteuerndes Malzſurrogat anerkannt worden
iſt. Der Conſum des Sacharin in Bierbrauereien iſt
bereits ein ſo bedeutender geworden, daß wir in den
letzten Jahren nicht im Stande waren, die an uns er-
gangenen Aufträge rechtzeitig zu effektuiren. Gleichzeitig
empfehlen wir Malzcouleur, Biercouleur, Braunzucker,
Bierbouquet, Caragheenmoos, Biergelatine, Hauſenblaſe,
Natron, 2c. Hochachtungsvoll K . . . . . u. V . . . ..
. . . . ſtraße Nr. 12 Berlin.

Druck und Verlag von G. Geiſendörfer.
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