Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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Herbſtblätter.

Du blickſt umſonſt voraus, in's Leben,
Durch das Du wandelſt, unbekannt;
Denn welche Zukunft ihm gegeben,
Enthüllt Dir keine Menſchenhand.
Bald leuchtet Dir die Sonne heiter
Bald wird es wieder Nacht darin;
So ziehſt Du weiter, immer witer,
Und immer fragt Dein Herz: Wohin?

in welcher der Kaiſer präſidirte. Wichtige und viel-
fältige Gegenſtände waren bereits erledigt, als die
Reihe an einen Gegenſtand kam, der zum Reſſort des
Grafen . . .. gehörte. Der gute Graf war nichts
weniger als ein Fachmann, und als er zum Miniſter
ernannt wurde, hatte er auch kein Hehl daraus gemacht,
daß er ſein Reſſort erſt - ſtudiren müſſe. Die Sitz-
ung fand im Hochſommer ſtatt, und im Conferenzſaale
brütete eine faſt unerträgliche Hitze. Jn der "Hitze"
der Discufſion war nun dem Grafen das Malheur
paſſirt, einzuſchlummern. Er ſchlug erſt die Augen auf
als die Stimme des Kaiſers an ſein Ohr ſchallte, der
ihn aufforderte, über den vorliegenden Gegenſtand
ſeine Meinung zu ſagen. Man kann ſich die Verlegen-
heit der guten Excellenz denken, die abſolut keine Ah-
nung davon hatte, von welchem Gegenſtand eigentlich
die Rede fei. Jn ſeiner Verwirrung wußte ſich der
perplexe Miniſter nicht anders zu helfen, als daß er
die Erklärung abgab, in dieſer Frage ſtimme er voll-
ſtändig mit ſeinem geehrten Vorredner überein. Zum
Unglück hatte aber noch kein einziger Miniſter in dieſer
Angelegenheit das Wort ergriffen. Der Kaiſer lä-
chelte."

Das Schickſal geht an Deiner Seite
Und geht Dir gar geheimnißvoll
Auf jedem Wege das Geleite,
Das Dich zum Ziele führen ſoll.
Stumm führt es Dich auf dorn'gen Pfaden
Durch dieſes Lebens Jrrſal hin,
Mühſelig bleibſt Du und beladen,
Und immer fragt Dein Herz: Wohin?

Was Du gewinnſt auf dieſer Reiſe,
Du weißt nicht, ob es dauernd bleibt,
Und welches Spiel des Wechſels Weiſe,
Der Sturm des Lebens damit treibt.
Des Glückes irdiſche Geſtalten,
Sie weilen nicht, Du ſiehſt ſie fliehn -
Umſonſt ſuchſt Du ſie feſtzuhalten,
Fragt ſie Dein Herz: Wohin? Wohin?

ſEine nicht üble Anekdote erzählt "Ueſtekös"
vom Grafen Emanuel Andraſſy. Als der Graf
aus dem ſüdlichen Aſien zurückgekehrt war und ſeine
Freunde ihn zu einer Jagd einluden, ſagte er: "Bah,
meine Freunde, ich bin jetzt ſo gewohnt auf Tiger zu
jagen, daß eine Jagd, die nicht lebensgefährlich, kein
Jntereſſe mehr für mich hat." "Nun dann kannſt ge-
troſt mit mir kommen", verſetzte einer der Jäger, "denn
ich habe geſtern erſt auf der Jagd meinen Schwager
angeſchoſſen." -

So bleibt Dir ungelöſt die Frage
Und dunkel dieſes Lebens Gang;
So zählſt Du ſchmerzlich Deine Tage
Und harrſt und hoffeſt, ſchwer und bang!
Der Frühling kommt, der Frühling gehet,
Die Roſe welkt, die blüht darin -
Das letze Blatt im Herbſt verwehet,
Und traurig blickſt Du nach: Wohin?

Den König der Reclamel hat ein Reiſender
in San Francisco getroffen. Es iſt ein Reſtaurateur,
der kein geringeres Werk als die Bibel zur Empfeh-
lung ſeines Geſchäftes benutzt. Der gute Amerikaner
recitirt nach dem heiligen Buch wie folgt: "Und Joſef
weinte und ſprach zu ſeinen Brüdern: Lebt mein Va-
ter noch immer? Und die Brüder antworteten ihm:
Gewiß, und er beſindet ſich ſehr wohl, denn er früh-
ſtückt und dinirt jeden Tag im - Cosmopolitan
Hotel." -

So wandelſt Du bis an das Ende,
Zu dem Dein Leben ſicher geht,
Denn wie ſich auch Dein Schickſal wende
Dies Ziel ſteht feſt, früh oder ſpät.
Drum hab Geduld! Auch Du wirſt kommen
Zum Tag, au dem Du gehſt dahin -
Dann fragt Dein Herz ſchwer und beklommen
Zum letzten Mal: Wohin? Wohin?

Je nachdem.1 "Wie viel trinken Sie denn im-
mer Abends von dem Bier?" - "Gewöhnlich vier, hie
und da fünf, aber meiſtens ſechs Maß."

Die Buchäruckere von . eisendörfer

Mannichfaltiges.

in Jeidelberg (Schiffgaſſe 4)

empfiehlt sich in allen in dieses eschkt einschlagenden
Arbeiten, namentlich im Druek von Visiten-, Verlobungs- und
Adress-Karten, Rechnungen, Circularen ete. ote.

Der Feuilleton des "N. Peſter Journal"
erzählt die folgende kleine - natürlich "authentiſche"
- Geſchichte: "Es war in einer Miniſterrathsſitzung,
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