Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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einen tiefen Glanz erhalten, ihre ganze Erſcheinung
war ernſter und würdevoller geworden als vordem.
Sie reichte mir freundlich die Hand und führte mich
in ein kleines Zimmer, das ſie für ſich allein zu ha-
ben ſchien. Es ſah ſauber und zierlich darin aus.
Sie nöthigte mich, auf dem Sopha Platz zu nehmen
und ſetzte ſich zu mir. - Theilnehmend ſragte ſie
nach dem Vater, nach dem Tode der Mutter und ent-
ſchuldigte ſich, daß es ihr unmöglich geweſen wäre,
hinzukommen. Jch antwortete nur befangen und ein-
ſilbig; ich war zu aufgeregt. -
"Mariele", ſtieß ich endlich hervor, "ich kann's
nicht länger zurückhalten, was habe ich hören müſſen?
Du haſt Dir einen vornehmen Liebſten angeſchaft? O,
Mariele, wenn das meine Mutter gewußt hätte, ſie
hätte vor Gram nicht ſterben können."
Mariele ſah zu Boden. "Wer hat Dir das geſagt?
ſagte ſie erregt.
"Die Tante hat es mir geſagt!"
"Nun gut, wenn Du es einmal erfahren, ſo ſollſt
Du jetzt auch Alles wiſſen" - hierbei hob ſie hoch
den Kopf in die Höhe und ſah mich feſt an: "Ja,
Karl, ich liebe über Alles und werde wieder geliebt."
Jch ſah ſie groß an - das war nicht das Bewußt-
ſein der Schuld, das aus ihren Augen leuchtete, es
lag eine trotzige Energie, eine ſtolze Kraft in dieſem
Blick, der mich faſt beſchämte.
"Von einem vornehmen Herrn", fragte ich verlegen
das Auge ſenkend.
"Ja", antwortete ſie kurz.
"Armes Mariele" - rief ich und nahm faſt zärt-
lich ihre Hand in die meine, "dieſer vornehme Herr
wird Dich aber niemals heirathen, Deine Liebe wird
Dich elend machen."
Sie ſchlug die Augen nieder und ſchwieg - um
ihren Mund zuckte etwas, wie verhaltener Grimm.
"Wie ihr alle redet!" rief ſie endlich unmuthig -
"ſo redeſt Du, ſo redet die Tante. So lange der
Herr nur mit mir ſcharmirte und mich und die Tante
alle Tage in neue Vergnügungen führte, ſo lange war
es gut. Seitdem unſere Liebe ernſthaft geworden,
ſeitdem iſt er ein Verführer, ein leichtſinniger, gewiſ-
ſenloſer Menſch."
"So glaubſt Du wirklich, er werde Dich heirathen?"
warf ich erſtaunt ein.
"Darüber kann ich Dir noch nichts Beſtimmtes ſa-
gen!" entgegnete ſie ruhig - "das iſt nicht mein
Geheimniß."
Jch ſtand auf - ich konnte hier nichts weiter
thun! ich nahm mir vor, meinem Vater von dem Er-
lebten Mittheilung zu machen und reichte Mariele zum
Abſchied die Hand.
"So wünſche ich Dir Glück, Mariele", ſagte ich,
"zu der vornehmen Heirath."
(Fortſetzung folgt.)

ſen - es iſt ja, wie unſer Heine es ſchon geſungen,
eine "alte Geſchichte, doch bleibt ſie ewig neu - und
wem ſie juſt paſſiret, bricht ſie das Herz entzwei."
Wehmüthig ſchante er vor ſich hin - Käthchen
reichte dem Kranken in vorſorglicher Liebe ein Glas
Limonade, er ſchlürfte es begierig aus -
"Jch danke Dir, mein Käthchen", ſagte er, wäh-
rend ſein Blick lange zärtlich auf der Tochter ruhte,
"Gott behüte Dich vor ähnlichem Herzeleid, mein ſüßes
Kind!" ſetzte er leiſe hinzu.
"So, nun iſt es mir wieder beſſer", fuhr er dann
nach kurzer Pauſe fort - "Jetzt will ich weiter er
zählen. Jhr ahnt wohl ſchon, wie es kommen wird
- ich werde daher nur das zum Verſtändniß Noth-
wendigſte berichten.-
Am andern Tage reiſte ich wieder zurück - dies-
mal dauerte es länger, ehe ich Mariele wiederſehen
konnte, als ich vermuthet hatte. Der Mutter Krank-
heit rief mich in den Ferien raſch heim - ich mußte
eilen, nach Hauſe zu kommen, um die Theure noch am
Leben zu finden. Mariele glaubte ich ſicher am Kran-
kenbette der Mutter zu ſehen und hatte mir daher
nicht Zeit gelaſſen, ſie in der Reſidenz aufzuſuchen.
Aber Mariele war nicht da. Die Mutter ſiarb kurz
nach meiner Ankunft und der Vater antwortete auf
meine Frage, warum Mariele nicht hier ſei - er wiſſe
es nicht, er habe an dieſelbe geſchrieben, ſie ſei aber
nicht gekommen. - Das ſchien mir wunderbar und
machte mich beſorgt. Auf meiner Rückreiſe beeilte ich
mich daher, trotz der mir nur kurz gemeſſenen Zeit zu
Mariele zu gehen. Die Tante öffnete auf mein Läu-
ten; aber ſie ſah nicht ſo heiter und freundlich wie
vordem aus, und auf meine Frage nach Mariele zog
ſie finſter die Stirn zuſammen und antwortete kurz:
"Mariele ſei nicht zu Hauſe!"
"Sie iſt wohl im Geſchäft?" erwiederte ich, "bitte
geben Sie mir die Abreſſe deſſelben, ich habe nicht lange
Zeit und muß nöthiger Weiſe mit ihr ſprechen."
Die Tante lachte. - "Jm Geſchäft? Ei ja, da
werden Sie die Dame nicht mehr finden, da geht ſie
ſchon lange nicht mehr hin."
"Die Dame - und warum geht ſie nicht mehr
hin?" wiederholte ich erſtaunt! -
"Warum - nun, weil ſie es nicht mehr nöthig
hat, ſie hat ja einen vornehmen Liebſten, der es nicht
haben will, daß ſie arbeitet."
"Einen Liebſten?" ſtieß ich hervor unb taumelte
einen Schritt zurück - dann faßte ich heftig den Arm
der Tante - "das iſt nicht wahr!" rief ich, "das
kann nicht wahr ſein! -"
"Laſſen Sie mich los!" rief die Tante zornig und
ſchüttelte meinen Arm von ſich ab. - "Doch da kommt
ja das Dämchen ſelbſt an", rief ſie und zeigte nach
der Treppe, auf der in der That Mariele's ſchlanke
Geſtalt erſchien, "jetzt kann ſie ſelbſt Jhnen Rede ſte-
hen!" - Bei dieſen Worten trat ſie in ihr Zimmer
zurück und ſchloß hinter ſich die Thür.
Jch ging Mariele entgegen. Sie ſah blaß ans,
aber trotzdem noch immer ſchön. Jhre Augen hatten
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