Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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Blute liegen. Sie hatte ſich mit einem Revolver er-
ſchoſſen; neben ihr lag ein Zettel, worin ſie erklärte,
ſie habe die Zerſtörung aller ihrer Jlluſionen nicht
überleben können. *

die Stube zu ordnen und Alles vor Rückkehr der Gäſte
in den alten Stand zu ſetzen. Jn Käthchen's Seele
kämpften tauſend widerſtreitende Gefühle; der Schmerz
um den Vater miſchte ſich mit dem Schmerz um den
Geliebten, und doch auch wieder fing die Hoffnung,
daß noch Alles gut werden würde, wie ein leichter
Schimmer in ihrem Herzen aufzuleuchten an. Paul
war ja gekommen - war das nicht mehr, weit mehr,
als ſie erwartet hatte?
Still und ernſt kehrten die Leidtragenden von ih-
rem traurigen Gange zurück, die Erfriſchungen wur-
den raſch eingenommen, bald trennte man ſich - es
fühlt ſich ja Niemand wohl in dem Hauſe des Todes.
- Die Familie Gruber war allein zurückgeblieben, Frau
Agnes ſprach mit dem Kantor, mit deſſen Frau und
mit Robert über die Einrichtungen, die ſie für die
Zukunft treffen wollte. Man hatte ihr ſchon mitge-
theilt, daß erſt Oſtern ein neuer Schulmeiſter defini-
tiv angeſtellt werden würde. Bis dahin ſollte die
Wittwe die Wohnung inne behalten und ein jüngerer
Lehrer den Verſtorbenen vertreten. Frau Agnes fühlte
ſich dadurch ſehr beruhigt, es wäre ihr zu ſchmerzlich
geweſen, mit dem Gatten zugleich auch die liebgewor-
dene Heimath zu verlieren. So konnte ſie ſich auf
das Unvermeidliche vorbereiten und in Ruhe und mit
Bedacht ihr künftiges Leben ordnen und neu geſtalten.
Die ihr von ihrem Gatten übergebenen Legitimations-
papiere in Betreff der väterlichen Erbſchaft hatte ſie
bereits auf Robert's Rath dem ihr bezeichneten Rechts-
anwalt in der Reſidenz zugeſandt; das Weitere mußte
ſie ruhig abwarten.

Ruſſiſch.1 Aus Oſtrogork in Rußland wird von
einem draſtiſchen Mittel berichtet, welches ein Soldat
angewendet hatte, um ſeine ungetreue Gattin zu be-
ſtrafen. Er ſpannte ſie nämlich mit nach rückwärts
gebundenen Händen neben einem Pferde vor einen
Wagen, und kutſchirte mit dieſem originellen Zweige-
ſpann im ganzen Orte herum, wobei er ſeinem verletz-
ten Gattengefühle dadurch Ausdruck gab, daß er ab-
wechſelnd dem Pferde einen, und deſſen bedauerns-
werther Geſellſchafterin zehn Hiebe mit dem ledernen
Kantſchu applicirte und durch das Schreien und Jam-
mern des derart mißhandelten Weibes eine Menge
Zuſchauer herbeilockte, welche jedoch, anſtatt dieſem
empörenden Unfuge zu ſteueru, ſich an dem Anblicke
dieſes Schauſpieles ergötzten und unter fortwährendem
Gejohle und unbändiger Aufregnng dem Wagen nach-
liefen. Halb zu Tode geſchlagen und von ihren Kräf-
ten, gänzlich verlaſſen, wurde das arme Weib von
dem unausgeſetzt angetriebenen Pferde am Boden ge-
ſchleift und getreten, und auch dieſer jammervolle Zu-
ſtand war nicht geeignet, irgend eine menſchliche Rüh-
rung bei der raſenden Menge hervorzurufen. Erſt iu
der Nähe der Karſerne angelangt, wurde die Behörde
auf dieſes entſetzliche Schauſpiel aufmerkſam, und nur
der größten Mühe der ausgeſendeten Militärpatrouille
mit dem Oberſten an der Spitze gelang es, der rohen
Freude ein Ziel zu ſetzen, die Menge mit wuchtigen
Kolbenhieben auseinanderzutreiben, und das klägliche
Geſpann ſammt deſſen unmenſchlichem Kutſcher in Ge-
wahrſam zu bringen.

(Fortſetzung folgt.)

Mannichfaltiges.

Ein Millionär als Bräutigam.1 Jn der
Nähe von Moskan lebt, wie der "Golos" erzählt,
ein Gutsverwalter, um deſſen ſchöne und gebildete
Tochter vor Kurzem ein junger Kaufmann und Mil-
lionär aus Moskau warb. Der junge Mann gewann
die Zuneigung des Mädchens, das er mit Artigkeiten
überhäufte, und am 17. September, dem Namenstage
der Braut ſollte die Verlobung durch ein glänzendes
Feſt gefeiert werden, das der Millionär veranſtalten
wollte. Das Feſt fand auch ſtatt, aber während der
Tafel übernahm ſich der Bräutigam im Trinken und
entſetzte nun die Geſellſchaft durch Ausbrüche unglaub-
licher Rohheit; er zertrümmerte das Tafelgeſchirr und
ſtieß fürchterliche Flüche aus. Der Saal leerte ſich
augenblicklich und die Königin des Feſtes flüchtete ſich
ſchreckenbleich in ihr Zimmer. Am andern Tag fand,
wie es vorher beſtimmt war, ein Ball ſtatt, wie wenn
gar nichts vorgefallen wäre. Während deſſelben bat
die Braut den Dirigenten des Orcheſters, eine Melodie
ſpielen zu laſſen, die ſie ſehr liebte. Das geſchah,
aber während des Spieles fiel ein Schuß, man eilte
auf den Bilkon und fand die Braut todt in ihrem

Amerikaniſch.1 Der "Herald" zu Atlanta in
Georgia berichtet folgende grauenhafte Geſchichte, die
ſich am 4. Sep. in einer Schule in Banks County er-
eignete. Die Schule wird von ziemlich erwachſenen
Schülern beſucht, unter denen ſich auch der 2jährige
Mr. John H. Moß befand. Die Gattin des Lehrers,
eines Mr. Alexander, war öfters, bei kurzer Abwe-
ſenheit ihres Mannes, in der Schule anweſend, um
das Betragen der Schüler zu überwachen. Dies ge-
ſchah auch an dem genannten Tage, und als ihr Gatte
wieder in dem Lehrſaale erſchien, beklagte ſie ſich über
das Betragen des jungen Moß. Die Vertheidigung
des Letzteren führte zu einem Wortſtreite, in dem der
Lehrer ſich ſo weit vergaß, daß er ein Meſſer zog und
es Moß in die Bruſt ſtieß. Moß zog nun einen Dolch
und bohrte dieſen in das Herz des Lehrers, der augen-
blicklich todt zu Boden ſtürzte. Frau Alexander ent-
wand dea Fauſt des Verendeten das Meſſer und brachte
Moß zwei tiefe Schnitte im Rücken bei, die in wenigen
Minuten auch den Tod des zweiten Opfers zur Folge
hatten. Die Aufregung, welche dieſe entſetzliche Tragödie
unter den Schülern und in ganz Georgia hervorrief,
ſoll eine unbeſchreibliche ſein.
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