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Imago: Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften — 5.1917-1919(1919)

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https://doi.org/10.11588/diglit.25679#0053

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Bücher.

ARNOLD ZWEIG. Die Novellen um Claudia. Roman.
Leipzig 1916, Kurt Wolff.

Dieser preisgekrönte Roman bereitet nidit nur künstlerischen Genuß,
sondern ist audi durdi einen psydioanalytisdien HauNgout ausgezeidinet:
Er weist psydioanalytisdien Realismus auf, Jedes Wissensgebiet, jede
Wissensdiaft bat ihren eigenen Realismus,- je vollkommener das Wissen
des Dicbters ist, desto befriedigter ist der Leser. Freilidi der psydioanaly*
tisdie Realismus wird später einmal — wenn erst das Wissen um die
Psydie und das Unbewußte und die Psydiogenese der Persönlidikeit und
die Determiniertheit alles Handelns und Fühlens Gemeingut mensdilidien
Verstehens sein werden — der psychoanalytisdie Realismus wird dann der
unumgängliche Hintergrund aller Dichtung sein. Eigentlidi ist er es im
ganzen schon heute: Denn die edite wahre Menschenschilderung wird ihre
überzeugende Wirkung nur durch eine aus der Erinnerung oder Intuition
des Dichters gewonnene psychologische Wahrheit erreichen. »Die Novellen
um Claudia« sind ein Ichroman,- Anfang und Ende bringen masochistisdhe
Geständnisse des Helden, dessen Wesen so bis in Detail folgerichtig ge»
worden ist und handelt, daß seine Gestalt die des Weibes an LebenseÄt»
heit weit übertrifft, Claudia ist eine Idealgestalt von vornehmster Tradition
und vornehmem Milieu, die Reinheit des Mädchens wird bei der Frau zu
Lebensferne, fast Besdiränktheit. Der Gatte mißempfmdet dies und breitet
in einer Beiditstimmung seine sündhafte, homosexuell-sadistische Knaben-
zeit vor ihr aus, erzählt von seinen Todeswünschen auf die Eltern usw.
Es ist intuitiv^psychoanalytisdies Erkennen, daß das Wissen unt die Ent-
widdung des Menschen , seine sexuellen Hintergründe, die Überlegenheit
des Mannes ausmacht. Aus diesem Knaben nun ist folgerichtig ein be»
sonders guter, sanfter Mann geworden, von künstlerischer und aller andern
Kultur. Schwer war es ihm aus den Schuldgefühlen seiner Jugend, der
Unsidierheit und Zweifelsudit heraus den Mut zu fmden, um eine edle
Frauenhand zu werben. Da er erhört wird, hat er viel Schuld überwunden,
wird ein aufrechter Mann und zeigt in der Hochzeitsnadit in vorbildlicher
Weise Maß und Kraft gepaart und die Überlegenheit einer aus eigenen
Kämpfen hervorgegangenen Sexualkultur.

Die psychologischen Kleinodien in den Details des Buches muß man
selbst nadhlesend genießen! Eines sei speziell nodt angeführt: Die Ent~
fremdung mit einer Spur von Haß auf seiner Seite, die durch ihre Men»
struation herbeigeführt wird, die sie ihm zum erstenmal entzieht. Und ein
meisterhaftes Kapitel: die Ablösung der Mutter von ihrer durch deren
Verheiratung verlorenen Tochter. — Die Gefahr der Überladenheit der
Darstellung durdi sozusagen allzubereites seelisches Mitschwingen ist freiiich
nicht überall vermieden. Dr. E. Hitschmann.

DER SOHN. Ein Drama in fünf Akten von Walter Hasenclever.
Verlag Kurt Wolff, Leipzig.

In diesem Drama hat das »In tyrannos«, das als Motto über so
vielen Erstlingswerken stehen könnte, seine ursprünglidte Bedeutung, aus
der es den nie alternden Affektwert schöpft, uneingeschränkt und unver»
hüllt beibehalten. Das Thema ist die Auflehnung des Sohnes, der Kampf
gegen den äußeren Zwang und den geistigen Druck der väteriichen Auto-
rität, die Abschüttelung des Joches, das offene, feindselige Gegenübertreten
 
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