Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 32.1916-1917

Seite: 104
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Und doch zieht uns die Wahrhaftigkeit, der
Ernst, die Greifbarkeit aller Szenen immer
wieder vom Märchen in die Wirklichkeit zu-
rück. Es ist bekannt, wie schnell Klinger er-
zählt. Alles Nebensächliche ist weggehauen,
jedes Bild ist eine Kapitelüberschrift. Ob wir
alle Einzelheiten richtig gedeutet haben, wissen
wir nicht. An so schönen Rätseln wird man
noch lange herumraten. Außerordentlich spre-
chen, wie so oft, die Landschaftsbilder. Das
Nackte ist von hinreißendem Schwung, die For-
men sind reich und gesättigt in Einzelheiten.

Man kann es beklagen, daß Klinger immer
wieder seine graphischen Folgen an das ero-
tische Thema bindet, als wenn es sonst keine
tiefgreifenden Stoffe gäbe. Aber hier rühren
wir an eine Einseitigkeit der ganzen modernen
Seelenanalyse. Immer wieder sucht diese im
Widerstreit der Geschlechter den Widerstreit
des Lebensdranges zu spiegeln. Sicher ist
die typische Behandlung ein Fortschritt gegen
den naturalistischen Stil früherer Folgen.

Klinger geht einen sehr einsamen Weg. Der
einzige, der heute neben dem Griffel Pinsel
und Meißel souverän beherrscht, ferne den
Kämpfen des Impressionismus sowohl wie den
jüngsten Revolutionen, ist er der letzte aus
der Gruppe der Neurömer, der in seinen Kunst-
werken ein Weltbekenntnis höchster Besinnung
vorträgt. Wir Heutigen können diese leiden-
schaftlichen Zeugnisse einer stark erregten
Seele nur teilnahmvoll begleiten mit echter
Ehrfurcht; erst wenn man wird Abstand neh-
men können von diesem Gesamtopus, wird
man das Ganze würdigen können. Schon be-
ginnt das Urteil über seinen Beethoven posi-
tiver zu werden; ein Bild wie die Pietä in
Dresden ist längst klassisch geworden, und so
wird es auch der Kreuzigung ergehen. Das gra-
phische Werk hat durch diese 46 Blätter eine
Bereicherung stärkster Art erfahren. Wie man
auch das einzelne später beurteilen mag: Klinger
hat in einer Zeit, in der von der Kunst Inhalt-
losigkeit oder lediglich Stimmung verlangt wird,
den Mut zum Bekenntnis. Wer denkt nicht
dankbaren und bewegten Herzens an die Stun-
den der Jugend zurück, als ihm zuerst Klin-
gers Radierungen wie Offenbarungen aufgingen?
Die Unbedingtheit, mit der wir dem Meister
damals folgten, haben wir heute nicht mehr.
Aber dieser neue Zyklus ist ein neuer Beweis
der Unerschöpflichkeit, der Gedankentiefe und
der Formkraft des Künstlers. Wir beglückwün-
schen ihn und den Verlag zu dem Mut, jetzt in
der Kriegszeit diese Blätter ins Land gehen
zu lassen, die uns in die Tage zurückversetzen,
in denen wir ganz den Kämpfen der eigenen
Seele leben durften.

NEUE ARBEITEN
VON GEORG SCHREYÖGG

Von Ludwig Segmiller

Während wir, beeinflußt durch literarische
Schöpfungen der Richtung Sorel, Bour-
get, Anatole France bis Dostojewsky, gewohnt
waren das eigene Gefühls- und Willensleben
scharf unter skeptische Beobachtung zu stellen,
scheint in der Gegenwart das gesunde Urteil
über neuzeitliche Strömungen in der Malerei
und Plastik mehr oder weniger schwankend
geworden zu sein. Der impressionistischen
Situation gegenüber, in der sich das Können
vom Nichtkönnen deutlich schied, da es sich
um die Darstellung äußerer Dinge handelte,
vermochten sich viele selbständige Bewer-
tungskraft anzueignen. Die raffiniert ausge-
bildete Technik, das feinsinnige Aufsuchen
von physiologisch reinen Farbenharmonien
oder die plastische Impression genügten den
gesteigerten Ansprüchen auf die Dauer nicht
mehr. Da die rein visuelle Tätigkeit des
Künstlers und des Beschauers als zu ärmlich
empfunden wurde, stocherte man gleichsam
als Surrogat für die fehlenden geistigen und
seelischen Wechselbeziehungen im Persön-
lichen des Schaffenden herum. Nur um schließ-
lich zur Erkenntnis zu gelangen, daß gleich
den Schöpfungen des gotischen Mystizismus
oder jenen der dämonischen Himmelsstürmer
der Renaissance das Kunstwerk selber das
seelische Erlebnis in sich zu bergen habe. Nicht
potenzierte Virtuosität, sondern innerer Impuls
wurde die Forderung des Tages. Dergestalt
entstand der Antiimpressionismus.

Die Entwicklung der Kunst fand sich von
der bloßen Uebung zum Bild und zur Aus-
drucksplastik zurück. Zunächst freilich nur
theoretisch. Die Periode vor Ausbruch des
Weltbrandes stand zu sehr unter dem Hoch-
druck von Ueberfeinerungen. Es geschah die
bewußte Betonung krankhaft verwickelter, de-
kadenter, nicht selten sogar perverser Eigen-
art. Die sich häufig widersprechenden An-
schauungen gelangten nur zu oft zu einem
Verwerfungsurteil des Gesunden und unge-
zügelte individualistische Forderungen schössen
wuchernd empor. Das Belauern und Aufdecken
von Verrenktheiten wurde vielfach als nor-
male Richtschnur angesehen. Es ist typisch,
wenn sich im Werk von Cornelius Gurlitt „Die
deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts" der
denkwürdige Leitsatz findet: „Daß jede eigen-
tümliche Künstlerindividualität, und scheine
sie auch die leibhaftige Narrheit zu erstreben,
von der Kritik bewundernd anzuerkennen sei."

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