Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 32.1916-1917

Seite: 146
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konnte sich Oppler mit den Studien in den Rose" (Abb. S. 147). Sparsam in den Mitteln,
abendlichen Aufführungen nicht mehr be- aber vollendet in deren Handhabung gibt uns
gnügen; er mußte, um dieses Problem wirk- der Künstler hier ein Blatt voll von lyrischer
lieh ausschöpfen zu können, Gelegenheit haben, Schönheit und musikalischer Empfindung. In
die Tänzer auch bei ihren Uebungen zu be- den schwingenden Linien dieses Jünglings-
obachten. So erhielt er Zutritt zu den Proben körpers, in der anmutvollen Haltung des Kopfes
und konnte nun in größerer Ruhe seiner Arbeit und der harmonischen Geste der weit ausge-
obliegen und dabei gleichzeitig das Leben und breiteten Arme spricht sich auf eindringliche
Treiben hinter den Kulissen auf sich wirken Weise die inbrünstige Beschwörung aus, mit
lassen. Die schöne Bleistiftstudie auf Seite 146 der der Geist der Rose das schlummernde
ist während der Vorbereitungen zu Richard Mädchen zu erwecken sucht. Wie ein flehen-
Strauß' Ballett „Josephslegende" kurz vor des Sehnsuchtslied, wie der ferne Klang einer
der Uraufführung in der Großen Oper zu Paris schluchzenden Geige ruft diese von innerstem
entstanden. Der Komponist — auch in der Erleben getragene Gebärde die Schlafende
Ansicht von hinten, an der Haltung des Körpers aus dem Land der Träume zurück . . Der
und der Form des Kopfes sofort erkennbar — musikalische Grundton, der uns aus allen
sitzt im Kreise seiner Freunde am Flügel. Im Blättern Opplers entgegentönt, der ist es, der
Vordergrund probt der schlanke Mjassin seine uns immer wieder entzückt und gefangennimmt.
Rolle; links an der Wand — mit wenigen Strichen Da, zu Schumanns lieblichen Weisen, trippelt
und Wischern schlagend charakterisiert — sitzt das reizende Fräulein Pilz herein. Zierlich
der wohlbeleibte Herr von Djagilew neben und fein wie kostbares Porzellan ist sie an-
dern biegsamen Fokin . . Und nun betrachten zuschauen. Nun zögert sie, biegt lauschend
wir die herrliche Zeichnung zum „Geist der den rechten Arm und streckt den linken mit

ERNST OPPLER PROBE ZUR JOSEPHSLEGENDE. RICHARD

STRAUSS AM FLCGEL (BLEISTIFTSTUDIE)

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