Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

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(. Zierleiste von Lhr. Neureuther.

QMokaue <6»xsre. (Von Dr. Pß.
QTl, Hakin.

enn man betrachtet, welch ein großer
Umschwung sich auf dem Gebiete
der bildenden Aünste und des
Aunsthandwerks in den letzten
Jahren vollzog, ein Umschwung,
zu dem äußere Umstände, fremde
Einflüsse die Veranlassung gaben, und wenn man
einen Blick auf nur fünf oder zehn Jahre zurück-
wirft, so bemächtigt sich unser unzweifelhaft der
Gedanke, wie doch so rasch vergessen und verkannt
wird, was damals des höchsten Lobes für würdig
erachtet wurde. Mo liegt der Grund hiefür? Darf
man hier kurzer Hand allein mit dem Schlagwort
„Mode" antworten, der „schon morgen als gemein
gilt, was sie heut ergötzt"? Ich glaube nicht, wenn-
gleich ein gut Theil dieser Unbeständigkeit auch in
ihr begründet ist. Andererseits aber dürfen wir doch
auch nicht verkennen, daß die Unvollkommenheit
der einst gerühmten, heute verpönten Werke den
Reim der Vergänglichkeit schon zumeist in sich selbst
trug. Denn das wahrhaft Schöne und Gute wird
dem Urtheile aller Zeiten standhalten, wenn auch
nicht dem Urtheile der Wenge, die eben nur immer
Flitterkränze sticht, so doch dem Urtheile der Aenner.
Gerade bei einem so plötzlichen Umschwünge, wie ihn
die letzten Jahre mit sich brachten, kann sich schon
die Güte eines Werkes, die Größe eines Meisters be-
währen. Und zu diesen wenigen Meistern, die in
den Strömungen der letzten Jahre sich selbst treu
blieben und als wahre Aünstler sich bewährten, gehört
Nikolaus Gysis.

wir wollen uns hier zunächst nicht mit dem
Maler Gysis beschäftigen, sondern diese Zeilen vor
allem jenen seiner Schöpfungen widmen, die dem
Gebiete unserer Zeitschrift näher liegen, seiner er-

sprießlichen Thätigkeit auf dem Gebiete der dekorativen

| Aunst, die unzweifelhaft einer zusammenfassenden

j Betrachtung werth erscheint.

Das Gebiet, auf dem sich hier sein schöpferischer,
tiefsinniger Geist entfaltete, ist ein verhältnißmäßig
eng begrenztes, wir danken ihm nur eine Reihe von
Plakaten, von Adressen und eine Anzahl von Zeich-
nungen für das Buchgewerbe. Aber welch' ein
Geist bekundet sich in jedem einzelnen dieser Blätter!
wer wird die Thatsache verkennen, mit welch'
strengem Richtersinne er über die Ausführung seiner
Arbeiten wachte, wie er prüfte und wog, wie er
entwarf und wieder verwarf, bis sein Werk vor
seinem eigenen Urtheile bestand! wem es vergönnt
war, in seinem Atelier den reichen Schatz von Ideen
zu überblicken, der an den wänden in ungeahnter
Fülle sich ausbreitet, oder in freundlicher Unter-
haltung bei der selten verlöschenden (Ligarette einen
Blick in den Reichthum seiner Mappen werfen durfte,
der lernt in Gysis einen noch weit größeren Aünstler
kennen, als den aus seinen vollendeten Werken
sprechenden. Als Beweis hiefür verweise ich nur auf
die Aollektion von Skizzen in der diesjährigen Aus-
stellung des Glaspalastes.

versuchen wir eine Charakteristik der Aunst
Gysis' auf dem uns hier zumeist interessirenden
Gebiete, nachdem R.F.P. vor einem Jahre in der
„Aunst unserer Zeit" Gysis namentlich als Maler
in trefflicher Weise behandelte, was wohl als
Grundzug der Gysis'schen Aunst eignet, das ist un-
verkennbar der klassisch-antike Charakter, das hohe
Geschenk seiner Heimath, Griechenlands. Unwill-
kürlich drängt sich uns oft der Gedanke auf, als
feien jene ernsten zarten Frauengestalten, die kraft-
vollen männlichen Genien Ainder tiefinnerster Sehn-
sucht nach der Heimath. Sie haben etwas von
Iphigeniens wesen an sich, und des Aünstlers
Gedanken scheinen bei der Schöpfung dieser edlen
Gestalten in Träume der Erinnerung sich verloren

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Aunst und Handwerk. 48. )ahrg. Heft
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