Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

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Chronik des Bayer. Kunstgemerbevereins.

368. Schlußstein von der neuen Bonner Rheinbrücke.
Entwurf von Bruno Möhring, Berlin.

Brückenbauten beliebten Armseligkeit in Bezug auf
schmückende Zuthaten berührt es ungemein wohl-
thuend, daß man in diesem Hall bestrebt war, die
nüchternen Konstruktionen, diese in's Lineare über-
setzten Rechenexempel, dekorativ zu beleben; in den
steinernen Bautheilen treiben zahlreiche humoristische
Anspielungen auf Brückenzoll, Weinlaune ic. ihr
Wesen (Abb. 368), und an den Tisentheilen kommt
einerseits die hohe Stufe der Schiniedetechnik unserer
Tage, andererseits die moderne Ausschmückungskunst
zur Geltung. Die Abb. 369—37 s geben Proben
der verschiedenen Alotive des Brückengeländers.

Den Schluß bilden einige Skizzen (Abb. 372—57H)
zu Ausstellungsgruppen, die in unserm ausstellungs-
lustigen Zeitalter vielen Interessenten willkommen
sein werden, — und eine Tafel (Nr. 9) mit frischen
dreifarbigen Schablonenmalereien von einem Zögling
der Nlünchener Aunstgewerbeschule.

Gronil kB VllArilVen Künsttzkwerßkvkrkins.

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Mochenversammkungen.

Siebzehnte Wochenversammlung — am 2;. März —
Vortrag von Prof. vr. Max ksaushofer: „Theorie und
Geschichte der Karikatur". Die Karikatur - von denr italienischen
oariosre, überladen, übertreiben — nähert sich einerseits in ihrer
theils absichtlichen, lhcils unabsichtlichen Verquickung des tvahren
mit Uebertreibungen dem humoristischen Sittenbild, anderseits
dem (Ornamentalen; sie ist in ihren Anfängen unbewußt —
wie z. B. bei den Schnitzereien und Zeichnungen der Urvölker
Alaskas, Perus, der Südsee; aber schon bei den Azteken tritt
das Bewußte in den absichtlich grauenerregend gebildeten Skulp-
turen ic. hervor. Bewußte Karikaturen sind auch die Schau-
spielermasken der Alten wie die im \2. Ihrh. florirenden (Teufels*
darstellnngen. Die Unbeholfenhcit der Technik unterstützt dabei
die Wirkung. Neue Bahnen und Ziele erösfneten sich der
Karikatur durch die Buchdruckerkunst, denn jetzt konnten die
Blätter, mit kurzen Titeln oder Unterschriften versehen, Massen-
verbreitung und allmählich den Weg zu allen Kulturvölkern
finden. In der Folge nimmt der Engländer ksogarth die erste
Stelle unter den Karikaturisten ein, und ihm zunächst steht auf
politischem und sozialem Gebiete der Franzose Granville: auch
der Spanier Goya ist hier z» nennen. Die besten deutschen
Karikaturisten sind Wilhelm Busch und A. (Oberländer, doch ist
dieser wie auch Meggcndorfer kaum in solchem Maaße populär
geworden wie Bnsch, dessen sichtliche Vorbilder Graf pocci
und der klassische„Strnwwelpeter"sind. Unter den karikaturistischen
Zeitschriften politischen Inhaltes steht oben an der Londoner
„Punch", dann unser „Kladderadatsch", dessen künstlerisches
Niveau sich in den letzten Jahren bedeutend gehoben hat;
während die französischen Blätter durch das Betonen des
Sexuellen einen niedrigeren Standpunkt einnehmen, hinter
dem wieder die Wiener, die das französische Moment bis zum
Widrigen übertreiben, noch weit an Werth zurückstehen. Die
„Fliegenden Blätter" repräsentiren das humoristische Sittenbild,

sehen aber, wie auch besonders die „Jugend", ihre Hauptaufgabe
in der künstlerischen Gestaltung ihrer Darbietungen. Dagegen
pflegt der „Simplicissimus" im strengsten Sinne das karika-
turistische Sittenbild. — Der Vortragende erwähnte die vor-
trefflichen Schriften des Aesthetikers Th. vischer über diesen
Gegenstand, aus denen hervorgeht, daß die Erheiterung des
Publikums das festeste, wenn auch nicht künstlerisch höchste Ziel
der Karikatur ist; der Schwerpunkt der Tendenzkarikatur liegt
im schnellen Erfassen und Festhalten der springenden Punkte
durch den Künstler; die besten Karikaturen brauchen stets nur
wenige Worte zur Erläuterung. Die religiöse Karikatur, die
namentlich im Mittelalter blühte, ist ganz von der Bildfläche
verschwunden. Ein weites Feld aber bietet die Thierwelt dar,
in sich selbst und in Verbindung mit dem Menschen, der nicht
nur körperlich, sondern auch geistig und moralisch dem Karikirt-
werden verfällt. Das beste Beispiel dieser Art rührt wieder von
Busch her: es ist Hans Huckebein, der Unglücksrabe. Sehr
amüsant sind oftmals Karikaturen von Kunstwerken und weit
verbreitet sind sie im Kunsthandwerk, denn dieses bietet schier
zahllose Gelegenheiten zu ihrer Bethätigung, z. B. allein durch
die Fratzen an Gittern, Wasserspeiern, Feuerzangen, Stockknöpfen,
Thürklinken, Messergriffen, Stuhllehnen ». s. w., namentlich
Schmiede- und Steinmetzarbeiten, und auch die Keramik wollte
und will zeigen, daß man nicht nur schöne, sondern auch häß-
liche Formen künstlerisch zu gestalten weiß, wobei der Kern der
Sache, wie bei allen den anderen Arten von Karikaturen, das
Line bildet, ohne daß sie alle nicht nröglich sind: der Humor.

An diesem Abend hatte Bildhauer Bechtel eine Arbeit
ausgestellt, die er im Auftrag des Anatomie-Prof. Rückcrt ge-
fertigt: einen Mcnschcnschädcl. In fünffacher Vergrößerung,
aus Lindenholz geschnitzt, bis in alle Linzelnhciten der kompli-
zirten Flächengestaltungen auf's Treueste nachgebildet, dabei zum
völligen Zerlegen eingerichtet, stellte die Arbeit in ihrer Art ein
Kunstwerk dar, welches die ihm gespendete Bewunderung reich-
lich verdiente.

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