Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

Page: 133
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(8^. Zierleiste von A. tveisgerber, München.

Jur (Märung des Aiikßegriffee.
(Von Dr. Herm. Lüer.

ollte man das Wesen des Stil-
begriffes nach seiner Anwendung
im Sprachgebrauchs unseres Jahr-
hunderts beurtheilen, so gäbe es
überhaupt keinen Stil.

Der Eine nennt stilvoll, was ein
Anderer als stillos bezeichnet. And was dieselbe
Person iin einen Augenblicke als stilvoll anspricht,
verwirft sie in anderem Zusammenhangs als stillos.
Bald hört man die für eine Zeit charakteristische
künstlerische Ansdrucksgestaltung als Stil bezeichnen,
und im nächsten Augenblicke vernimmt inan die
Widerlegung dieser Ansicht, indem unserer Zeit der
Stil abgesprochen wird. Der Eilte nennt stillos, was
ihm nicht gefällt, ein Anderer das was neu ist. Ein
Dritter ineint stilvoll sei das Alte, ein Vierter auch
das Neue, wenn es mit alten Formen geschmückt ist.

Es ist damit jedoch die Reihe der stets sich
widersprechenden Anwendungen des Stilbegriffes nicht
etwa erschöpft, aber es dürfte genügen, um zu zeigen,
daß „Stil" dem Sprachgebrauchs nach nur eine
Phrase ist.

Für die Kunstanschauung uiiseres Jahrhunderts
ist es aber nicht ohne Interesse, zu untersuchen, was
in einzelnen Fällen unter „Stil" verstanden wird.

Die aiii häufigsten vertretene Ansicht theilt den
Inhalt des Stilbegriffes einmal nach zeitlich-örtlichen,
im anderen Falle nach technischeii Rücksichten.

Ini ersten Sinne ist Stil die einer Zeit und
einem Volke entsprechende Art der Gestaltungsweise.
Es ist damit aber nicht eine Erklärung des Stil-
begriffes gegeben, fonderii nur die Berechtigung
ausgesprochen, Werke, die einen genieinsamen,
ihren Ursprung verrathenden Fornicharakter tragen,
als eine Gruppe zu betrachten. Ulan kann also

z. B. von einer deutschen, französischen, sächsischen,
bayerischen Gothik oder Renaissance sprechen. Wenn
damit das Wesen des Stilbegriffes erschöpft wäre,
würde es inöglich sein, daß etwas in jenem Sinne
Stilvolles, stillos fei. Denn es erscheint fraglos,
daß jederzeit auch stillose Arbeiten gemacht worden
sind. Niemand wird z. B. ernstlich glauben, daß
heute entstehende Werke ihren Ursprung verleugnen
können. Darf man aber deshalb sagen, daß alles
in unserer Zeit Geschaffene stilvoll sei? Es kann
eine Deutung in diesem Sinne nicht richtig sein,
und wenn dies der Fall ist, bedeutet das zugleich,
daß man sich des Wortes „Stilperiode" nicht be-
dienen soll; richtig ist, statt dessen „Kunstperiode"
oder dergleichen zu sagen.

Im zweiten Sinne soll Stil das den „inneren
Forderungen", den technischen Bedingungen des Dar-
stellungsstoffes in vollkommenster Weise Entsprechende
sein. Es bedeutet das aber weiter nichts, als daß
man mit Recht von einem plastischen, malerischen,
einem Stein-, polz-, Bronze-, Elfenbeinstil u. s. f.
sprechen kann. Daß aber etwas, was in einwand-
freier Weise dein Ulateriale gemäß gestaltet ist,
nicht immer ernsthaft als stilvoll zu bezeichnen ist,
können einige Beispiele leicht beweisen. Ein korin-
thisches Kapital als Basis verwendet, ist unter allen
Umständen stillos, denn jeder empfindet, daß sämt-
liche Linien darin für eine aufstrebende Richtung
gedacht sind. Die Entscheidungsgründe sind hier
rein ästhetisch, sie können aber auch praktischer Natur
sein. Wollte uns z. B. ein Baukünstler Wohn-
häuser errichten, die den vor etlichen hundert Jahren
üblichen glichen und die damals ihren Zweck in
bester Weise erfüllt habe» würden, würde das eine
Stillosigkeit sein. Unsere Bedürfnisse sind doch durch-
aus andere, gesteigerte.

Eine viel tiefer stehende Auffassung nennt das
stilvoll, dessen äußere Gestalt an Formen früherer
Kunstperioden oder, wie man sagt, früherer Stile

Aunst und Handwerk. 99. Zahrg. Heft 5.

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