Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

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Ein Vorschlag zur Förderung der graphischen Künste.

290. Villa Stucf; Badezimmer.

Sin (Vorschkag zur Forderung
der graphischen (Künste.

ei der stetig zunehmenden Bedeutung der
graphischen Künste für Wissenschaft und
Kunst, Industrie uud Handel, kurz für
unser ganzes Kulturleben, wird es in
den davon berührten Kreisen schon lange
störend empfunden, daß es bis jetzt in Deutschland
so wenig öffentliche, Jedermann zugängliche Institute
gibt, an welchen die Reproduktion-verfahren der Neu-
zeit nicht nur gepflegt, sondern auch regelrecht ge-
lehrt werden.

In den Lehrplan einiger schulen sind zwar die
Anfangsgründe einzelner Techniken ausgenommen,
und in Leipzig hat man auch seit einer Reihe von
Jahren weitere Schritte nach dieser Richtung hin
unternommen; aber so nachahmenswerth alle diese
Bestrebungen sind, so wenig genügen sie, weil sie
doch immer nur einem verhältnißmäßig kleinen
Kreise von Interessenten zu gute kommen, und weil
sie wegen des engen Rahmens, in dem sie sich natur-
gemäß bewegen müssen, für die allgenieine pebung
dieser heutzutage so überaus wichtigen geistigen
Verkehrsmittel durchaus unzureichend sind.

Der Gelehrte, der die Ergebnisse seiner Forsch-
ungen bildlich veranschaulichen und der Nachwelt
erhalten will, der Industrielle, der durch illustrirte
Kataloge und Preisverzeichnisse neue Absatzgebiete
für seine Fabrikate sucht, der Detaillist, der sich mit
Plakaten an die große Nieuge wendet, und schließ-

lich nicht am wenigsten
der Buchhändler, der seine
Verlagsartikelansprechend
ausstatten und illustriren
muß, sie alle sind auf
die graphischen Künste
angewiesen, und dadurch
— wie die Dinge heut-
zutage liegen — mehr
oder weniger von der
Geschicklichkeit und dem
Geschmack der nächstbesten
Reproduktionsanstalt ab-
hängig; es müßte denn
sein, daß sie selbst schon
vorher durch die Praxis
Erfahrungen auf diesem
Gebiete gesammelt hätten,
also gewissermaßen durch
Schaden klug geworden
wären. Und daß dieses
bei sehr Vielen noch nicht der Fall ist, und auch nicht
alle das Glück haben, von vornherein an eine bessere
Kunstanstalt zu gerathen, das beweist die Unmenge
von schlecht ausgeführten Illustrationen und Bildern,
denen man immer noch, trotz der heutigen Vervoll-
kommnung der Reproduktionsverfahren, nicht nur in
Büchern und auf den verschiedensten Erzeugnissen
der Industrie begegnet, sondern mit denen das
Publikum auch in Gestalt von Prospekten und pla
katen förmlich überschwemmt wird. Der kundige
Fachmann sieht es den nreisten dieser zweifelhaften
Kunstprodukte auf den ersten Blick an, daß mit dem
gleichen Kostenaufwand etwas bedeutend Besseres
hätte geschaffen werden können, wenn bei der kser-
stellung derselben blos mit etwas mehr Sachkenntniß
verfahren, oder oft auch nur eine geeignetere Technik
zur Einwendung gekommen wäre.

Ein großer Theil der Auftraggeber weiß es gar
nicht einmal, daß er einen Theil der Schuld daran
selbst trägt durch seine bisweilen geradezu erstaunliche
Uukenntniß auf diesem Gebiete, welche sich die vielen
kleinen Kunstanstaltsbesitzer auf der Jagd nach Arbeit
insofern nur zu oft zu Nutze machen, als sie ohne
Skrupel für alle Vorlagen, deren sie nur habhaft
werden können, einzig und allein die Reproduktions-
art als die geeignetste empfehlen, welche sie selbst
gerade ausüben.

So wird es wohl nur wenige Zinkätzer geben,
die einen Auftrag etwa deswegen zurückweisen und
sich damit einen Verdienst entgehen lassen, weil sich
die betreffende Vorlage zufällig besser und billiger
im Lichtdruck ausführen ließe; und umgekehrt werden

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