Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

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7zs.

^50. Zierleiste von Lhr. Neure^uther.

Otto Mttß'b Kchaffen. (Von
Lr. Kchumacher.

ie Lösung des Zwiespalts zwischen
reinkünstlerischen Intentionen und
praktischen Erfordernissen ist in
der Architektur von jeher die
charakteristische Aufgabe und der
Anstoß zu belebenden Gedanken
gewesen. Der Reiz architektonischen Schaffens liegt
gerade in dem Bestreben, ein ruhiges Gleichgewicht
zwischen diesen heterogenen Faktoren herzustellen.
Wenn aber, wie in unserer mathematik-durchtränkten
Zeit die praktischen Bedürfnisse plötzlich in ganz
ungeahntem Tempo den ästhetischen Bedürfnissen
gegenüber zu wachsen beginnen, da fängt der Kampf
an ein ungleicher zu werden, und der Zwiespalt
wird nur zu bald zum unheilbaren Riß. Es ent-
wickelt sich jene Kompromiß-Kunst, unter der unser
heutiges Schaffen leidet; ein künstlerischer Gedanke
kann den rechnenden Forderungen gegenüber nicht
mehr voll zur Durchführung gelangen, man sucht
wenigstens noch etwas von ihm auf dem Wege des
Kompromisses zu retten, und das architektonische
Schaffen wird ein fortwährendes ästhetisches Diplo-
matisiren. Die natürliche Folge ist statt einer An-
regung eine Lähmung der gestaltenden Phantasie.

Es sind noch manche andere Momente, die in
unseren Tagen eine Lähmung der Phantasie be-
fördern. Das Publikum, das sich in kunsthistorischer
Halbbildung dem geschichtlich Klassifizirbaren gegen- !
über weit behaglicher fühlt, als der neuen Erscheinung, :
trägt viel zur Entwerthung der Phantasie bei. Der
Schaffende aber, dem die Ausbildung unsres Studiums
und der Aufschwung der reproduktiven Künste einen
allumfassenden Ueberblick über das historische Wachsen
der Formensprachen geben, sieht sich von einer solchen

Fülle von Material umgeben, daß er, statt bloß
Anregung aus dieser Quelle zu schöpfen, nur zu
bald die eigene Phantasie darin ertränkt fühlt.

Und unter diesen: Gefühle leiden wir, — unter
diesem Gefühle leidet vor allem derjenige, der am
Ende des systematischen Laufes der akademischen
Lehrzeit gelernt hat, wie andere Leute aller möglicher
Zeiten architektonisch sprachen, — der selbst anfängt,

Skizze von Vtto Rieth, Berlin.

Aunst und Handwerk. )ahrg. Heft 4.

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