Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

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ffitto Rieth's Schaffen.

architektonisch zu denken, aber wenn er sprechen
will, im Banne jener gründlichen wissenschaftlichen
Methode steht, nach der er bisher so fleißig das
Uebersetzen gelernt hat. Das ängstliche Denken an
Regeln, die Gründlichkeit, mit der man Fehler ver-
meiden will, das lähmt jene eigene Bewegungs-
fähigkeit, die wir Phantasie nennen. Und was neu
hinzugebracht wird durch die ersten Zeiten des Büreau-
lebens, 'wo man einstweilen ein Bauwerk nur im

(52. Portalarchitektur (aus (D. Rieth's Skizzen, IV. Folge,
Verlag von Baumgärtner, Leipzig).

aufgetrennten Zustande in die Hände bekommt, ist
auch nicht dazu angethan, gerade diese Leite des
Rönueus zu fördern.

Mit Recht wird man in diesem Zustande jedem
Anstoße dankbar sein, der die Fesseln, in denen
mau sich bewußt oder unbewußt fühlt, auflockert,
und eines der größten Verdienste Mtto Rieth's, ja
das Verdienst, das vielleicht am meisten zu seiner
so blitzschnellen Popularität in den Rreisen der auf-
strebenden Fachgenossen geholfen hat, das setzt an
diesem eben gekennzeichneten Punkte ein.

Rieth's Skizzen zeigen nrit jener überzeugenden
Deutlichkeit, die nur dann entsteht, wenn jemand in
schlagender Weise etwas Vormacht, was andre
vielleicht schon früher oftmals vorgesprochen
haben, daß es für den Architekten nicht noth-
wendig ist, so lange resignirt zu schweigen,
bis er sich in der glücklichen Lage befindet, mit
Steinen reden zu können, und daß es in der Archi-
tektur überhaupt gar nicht nöthig ist, stets große,
wohlausgedachte und ausgefeilte Reden zu halten,
sondern daß man auch plaudern kann. And damit
wird der gelähmten Phantasie ganz leise ein Thor
geöffnet, rnan fragt sich, was denn eigentlich neben
den Aeußerungen, die man in der Tagesbeschäftigung
zu leisten hat, ungesagt zurückbleibt; man versucht,
man träumt, und was man sonst mit dein unbe-
stimmten Gefühle des Mißbehagens in sich herum-
geschleppt hätte, das kommt zum Vorschein, oder
kann doch zmn Vorschein kommen.

Aber was hat das mit Rieth zu thuu? Hat
es nicht genug Meister vor ihm gegeben, die den
Ueberschuß an schöpferischer Rraft in Idealentwürfen
aufspeicherten? Weiß nicht jeder, daß Papier und
Feder willig die üppigsten Architekturträume auf-
nehmen ? Gewiß, aber es gehört schon ein ungewöhn-
lich fest umrissener Schaffensdrang dazu, um zu Ideal-
entwürfen in der Art Piranesi's oder Schinkel's ver-
leitet zu werden. Wer hat heute Zeit und Muße,
um einen fesselnden Ginfall in breiter, sorgsamer
Behaglichkeit zum Ausdruck zu bringen? Das
Durchschlagende in der so zu sagen pädagogischen
Wirkung dieser Rieth'schen Skizzen lag in der Art,
wie sie zeigen, daß sich die Wirkung einer architek-
tonischen Idee auch mit den denkbar einfachsten,
flottesten Mitteln zur lebendigen Anschauung bringen
läßt. Darin liegt das Verlockende; Rieth's Technik
reizt zur Nachahmung; und darin liegt das Be-
freiende. Nicht als ob man diese Technik ohne
Weiteres erlernen könnte, wie etwa eine Art per-
spektivischer Stenographie, nein, ein malerisches
Rönnen und eine ausgebildete Fähigkeit perspektivi-
schen Denkens sind Vorbedingungen; aber daß nian
überhaupt versucht, sich in dieser Weise über Wir-
kungen klar zu werden, daß man beginnt, zu probiren
und zu studiren ohne den schwerfälligen Apparat
korrekter Arbeit, darin liegt eine Förderung, zu der

i) von ©. Rieth's Skizzen sind bis jetzt vier Folgen er-
schienen; mit Genehmigung der Verlagshandlung — Baum-
gärtners Buchhandlung in Leipzig — bringen wir in den
Abb. (52—(5<(, (59, (6( und (63 einige Proben daraus in
etwas verkleinertem tNaaßstabe. Alle übrigen Abbildungen, mit
Ausnahme der des Galathea-Brunnens, sind nach noch unver-
öffentlichten ©riginalien Rieth's gefertigt. Die Redaktion.

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