Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

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Zur Klärung des Stilbegriffes.

erinnert. £)at man 5. B. einen ©fen, auf dessen
achtkantigem, mit gothischem Maaßwerke verziertem,
gußeisernem Sockel eine im gleichen Materiale her-
gestellte Rüstung steht, so sagt man von ihm, wenn
er in einer „gothischen" Villa steht, er sei „stilvoll"
und „gothisch"?) Man bedenkt dabei einmal nicht,
daß „gothisch" nur einen Zeitabschnitt bezeichnet,
ebenso wie „antik". Man kann natürlich von einer
neuen Arbeit nur sagen, daß sie im gothischen Form-
charakter gestaltet sei, daß sie mit gothisirenden
Formen ausgestattet sei oder dergleichen. Es könnte
dann dem Wesen der gothischen Periode kaum
irgend etwas mehr widersprechen wie Gußeisen
als Herstellungsstoff einer Rüstung. Und schließlich
könnte doch eine Rüstung kann: komischer verwendet
werden als für einen ©fen. Mas mag man nun
wohl an dieser köstlichen Leistung eines „Gothikers"
stilvoll gesunden haben? Es kann nichts Anderes
gewesen sein als nur das, was rein äußerlich an
mittelalterliches Wesen erinnert. Ein solcher ©fen
ist doch weder schön noch zweckmäßig und läßt nicht
im Geringsten die Art der Gestaltung einer anderen
Form gegenüber gerechtfertigt erscheinen. Es kann
aber dem Wesen des Stilbegriffes nicht entsprechen,
Gegenstände nach Möglichkeit unvollkommen und
dem natürlichen Empfinden widersprechend zu bilden.
Der Sprachgebrauch muß in dem Sinne falsch sein,
daran wird niemand zweifeln.

In ähnlicher Weise nur aus die äußere Ge-
staltung bezogen ist die Anwendung des Stilbegriffes,
die zusammengehörige Gegenstände dann als stillos
verurtheilt, wenn sie untereinander im Formcharakter
abweichend gestaltet sind.

Man nennt z. B. die in der Renaissance viel-
fach vorgenommene Vervollständigung gothischer
Kirchen im Inneren oder Aeußeren stillos. Es
können in Betracht kommen z. B. Kapellen-, Thurm-
oder ' Portal-Anbauten, Altäre, Kanzeln, Gestühle,
Emporen u. f. w. Mas veranlaßt dazu, so etwas
stillos zu neimen?

Ddr „Gothiker" als Urtypus des Stilfanatikers
vertritt den Standpunkt, daß der Inbegriff alles
Stilvollen eigentlich die Gothik, alles Andere aber
stillos fei. Doch angenommen, es würde auch die
Renaissance als ein existenzberechtigter Abschnitt des
Kunstschaffens anerkannt, dann müßte auch die Ge-
staltungsart in dieser Periode ihrem Sinne gemäß
als ebenso selbstverständlich angenommen werden,
wie es für die gothische Periode geschieht. Die
Künstler der Renaissance werden nie auf den Ge-
danken gekommen sein, daß ihre Zuthaten eine vor-

handene „Einheit" stören könnten. Das Dogma
der „Stileinheit" oder „Stilreinheit" war den unbe-
fangen schaffenden Meistern der Renaissance noch
nicht vom Katheder vorgetragen. Gefiel die neue
Art der Gestaltung, theils weil sie neu war, mehr,
so konnte doch nichts hindern, sie mit den früheren
Formen, wo es immer geeignet schien, zu vereinigen.
Die ästhetische Beurtheilungsnorm für jede Kunst-
schöpfung blieb allezeit, mit Ausnahme unseres Jahr-
hunderts, nur die durch den Wohlklang der Ab-
messungen, durch die Vertheilung von Licht und
Schatten, von Flächen, Linien und Farben erzielte
Wirkung. Wären wirklich An- und Einbauten der
besprochenen Art Stilverletzungen, so müßte wiederum
das Wesen des stets so erhabenen Stilbegriffes auf
Aeußerlichkeiten beruhen.

So einheitlich das Wesen eines feststehenden
Stilbegriffes sein muß, so wenig kann es eine antike,
gothische oder Renaissance - Stileinheit geben. Ihr
Vorhandensein ist erst durch blinde Begeisterung in
die verschiedenen Kunstabschnitte nachträglich hinein-
konstruirt. Kunstperioden, die wir uns gewöhnt
haben mit einer begrenzenden Bezeichnung zu um-
fassen, sind doch nur die Summe vieler, allerorts
verschieden, nur in: verwandten Sinne gestaltender
Zeitabschnitte. Es sind Gruppen des Kunstschaffens,
die nach allmählichem Hervortreten in stetiger lebens-
voller Umbildung, nach einem Höhepunkte der
Entwicklung in Vermischung mit anderen Gestaltungs-
weisen, ebenso allmählich einen gewissenAbfchluß finden.

Wollte man im Sinne derer, die davon sprechen,
die Stileinheit oder Stilreinheit gelten lassen, so
müßte beispielsweise die Uebernahme der mauresken
Formen in die Renaissancekunst eine arge Stilver-
letzung gewesen sein. Die Formen an sich, die
äußere Erscheinung der Kunstgebilde kann mit dem
Wesen des Stiles itichts zu schaffei: haben. Es kann
niemals nur deshalb etwas stilvoll sein, weil es die
Formen einer als in sich abgeschlossen angesehenen
Periode aufweist. Und stillos kann keine Kunst-
schöpfung nicht deshalb sein, weil die Gestaltungsweise
sich in den Einzelheiten an verschiedene zeitlich oder
örtlich getrennte Formkreise anlehnt. Was Riegl in
seinen „Stilfragen" in Bezug auf die ©rnamenten-
entwicklung bis zun: Mittelalter so unwiderlegbar
klar beweist, daß kein künstlerischer Gedanke als eine
in sich abgeschlossene Einheit besteht, bedarf nur der
Anwendung. Es läßt sich fraglos die Entstehung
der gothischen Bauweise ebenso gut bis in die Antike
zurückverfolgen, wie es bei der gänzlich entnaturali-
sirten Maureske möglich war.

Die Abweichungen gerade in den Bauweisen
der verschiedenen Zeiten sind durchaus nicht derartig

i) Dieser (Dfett befindet sich noch in Hannover.
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