Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

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Geschmackvoll.

85. Abgüsse der Randdekorationen an Auxserxlatten von Liseleur A. kjerberger, München, (^/g d. w. Größe.)

Guter künstlerischer Geschmack äußert sich in
der Wahl des ornamentalen Wotives. Diese Wahl
des Wotives aber liegt in der pand des kunst-
gewerblichen Zeichners und eben deshalb ist es seine
Sache, die Erziehung des Publikums von dieser
Leite aus in Angriff zu nehmen. Er in erster Linie
muß sich die Empfindungssprache des (Ornamentes
zu eigen machen. Vor allem kommt dabei natür-
lich der Richtungsgedanke in Frage, das Steigen,
Fallen, Tragen, Liegen, Gängen u. s. w., der
charakteristische Ausdruck voll „Oben" und „Unten"
und hunderterlei verwandte Rücksichten dürfen nicht
außer Acht gelassen werden. Dabei aber sollte nran
es nicht bewenden lassen. Es läßt sich darüber
streiten, ob es geschinackvoll ist, einen Ibis oder
Storch zu einem Theekeffelständer zu „stilisiren." Ohne
Zweifel geht die Forderung der Stillehre in diesem
Fall hauptsächlich dahin, daß der Vogel, der den
Theekessel im Schnabel trägt, wirklich stark genug
erscheine, um das Gewicht des Kessels auch in natura
bewältigen zu können. Die größere oder geringe
Geschicklichkeit, der fjumotr, mit dem die Naturform
erfaßt und geistig neu geschaffen wäre, würde dann
des Weiteren über die künstlerische Existenzberechtigung
des Gegenstandes entscheiden. Als Drittes käme der
Charakter des Raumes in Frage, in welchem der
Gegenstand Aufstellung findet — ein Punkt, auf den
natürlich der entwerfende Künstler selten Einfluß aus-
üben kann. Unmöglich wäre es, die Forderung zu er-
füllen, daß jeder künstlerisch ausgestattete Gebrauchs-

gegenstand in seiner Verzierung greifbare poetische Be-
ziehungen zwischen Zweck und Schmuck aufweisen soll.
Wan würde dabei schließlich in die platteste illustrative
Nüchternheit hineinwaten. Dessenungeachtet bleibt
die Thatsache bestehen, daß es kein besseres Wittel
zur Geschmackserziehung giebt, als Verständlichkeit
der ornamentalen Sprache. Der Grund, weßhalb
die Theilnahme des Publikums für unsere Orna-
mentik so gering ist, liegt zum guten Theil in der
Vernachlässigung sinnbildlicher Beziehungen zwischen
dem Gegenstände und seinem Schnmck. Die Orna-
mentformen der Renaissance, des Barock und sogar
noch des Rococo redeten in diesem Sinne zu den
Kindern ihrer Zeit. Den Wenschen von heute ver-
mögen sie nichts zu sagen, darum werden sie als
ornamentaler Ballast vom Publikum abgelehnt.
Wan kauft sie oft im buchstäblichen Sinne des
Wortes nach Gewicht, um zu zeigen, daß man es
dazu hat, nicht aber um fein Heim zu schmücken.
f}ter kann nur der Künstler im Kunstgewerbe helfen.

Der Ornamentkünstler muß eben nicht nur ein
genialer Zeichner sein; alle Erfindungsquellen der
Dichtkunst müssen ihm Zuströmen, er muß ein Dichter
sein im strengsten Sinne des Wortes, wenn es ihm
gelingen soll, den „geschmackvollen" Dekorateur und
die „geschmackvolle" Frau unschädlich zu machen
und dem Volke das Verständniß für moderne Or-
namentik zu erschließen, deren Geheimniß darin
ruht, daß sie die Dinge als Gewordenes und Wer-
dendes betrachtet.

buttst und Handwerk. Iß. Zahrg. Heft 2.

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