Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

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Aunst und Kunstgewerbe.

COMSCf.

(27. Glühlichtträger. Nach einer Skizze von Aarl Groß
(München), Dresden, in Schmiedeisen ausgef. von Mörz jun.,
München.

Umgekehrt gibt es Erzeugnisse der technischen Aünste,
die thatsächlich einem praktischen Gebrauche weder
dienen noch dienen können. Der thatsächliche prak-
tische Gebrauch oder die Möglichkeit eines solchen
entscheidet also hier nichts. Und wir können gleich
hinzusügen: Auch dies entscheidet nichts, ob ein
Aunsterzeugniß von dem Künstler oder von sonst
jemand zum praktischen Gebrauch „bestimmt" ist.
Gewisse Prachtvasen sind zweifellos zu keinem prak-
tischen Gebrauche bestimmt.

Sondern, worauf es hier ankommt, das ist
einzig der aus der Beschaffenheit eines Aunsterzeug-
nisses sich ergebende unmittelbare Eindruck, daß es,
seiner eigenen Natur zufolge, zu dem praktischen
Gebrauche „bestimmt" oder nicht bestimmt sei. Die

Statue mag zum Aushängen dieser oder jener Gegen-
stände noch so trefflich sich eignen und auch von irgend
jemand dazu bestimmt sein, so scheint sie doch ihrem
eigenen Wesen nach nicht dazu bestimmt. Mit
anderen Worten: Der Gedanke an die praktische
Verwerthung ist dem Sinne eines solchen Aunstwerkes,
wie er in der gesamten Erscheinungsweise desselben sich
offenbart, fremd oder heterogen. Dagegen ist der Ge-
danke an solche praktische Verwerthung dem Sinne des
technischen Aunstwerkes nicht fremd, sondern fügt
sich in denselben als natürlicher Bestandteil ein.

Das künstlerisch gebildete Sitzmöbel etwa scheint
von selbst, und seinem ganzen Sinn und Wesen nach
zu einer bestimmten Art des Sitzens einzuladen.
Zch setze mich in Gedanken in dasselbe hinein und
rechne es ihm als eine Tugend an, wenn ich dabei
den Eindruck gewinne, es komme durch seine Forn:
diesen: Zwecke entgegen. Ich sehe in ihm ein freund-
liches Wesen, das mir Ruhe, Sicherheit, Behagen
spendet. Es wird in meinen Augen zun: Träger
dieser meiner Ruhe und Sicherheit, dieses meines
Behagens. Es gewinnt damit einen eigenartigen
Sinn oder ein eigenartiges Leben. Und dieser Sinn
oder dieses Leben tritt in unmittelbaren und sinn-
vollen Zusammenhang mit dem sonstigen Sinn und
dem sonstigen Leben des Gebildes. Das Sitzmöbel
richtet sich so auf und breitet sich so aus, wie es
dies thut, es schafft sich vermöge der Funktionen seiner
einzelnen Teile die Form, die es besitzt, und das
sichere Dasein, dessen es sich erfreut, ::::: damit mir
diesen Freundschaftsdienst leisten zu können. Der
Eindruck des sich Darbietens zu einem praktischen
Gebrauch vervollständigt also den Sinn des Ganzen.

Aber diesen: Momente begegnen wir doch nicht
bei jeden: Erzeugniß des Aunstgewerbes. Gewisse
venetianische und inehr vielleicht noch gewisse gar
nicht unerfreuliche inodernste Gläser widerrathen, nicht
nur thatsächlich, sondern auf Grund des unmittel-
baren Eindruckes, den praktischen Gebrauch, den: sonst
Gläser zu dienen pflegen, aufs Dringendste. Anderer-
seits kann ich Teller und Schüsseln an die Wand
hängen. Dann läugnen dieselben vermöge ihres
Mrtes und ihrer Lage die praktische Verwendbarkeit
direkt. Und daraus entsteht mir kein Gefühl des
Widerspruches oder Widersinnes, wie es entstände,
wenn das Sitzn:öbel, das zum Sitzen einladet, mich
zugleich von: Sitzen abzuschrecken schiene. Es entsteht
auch nicht das Gefühl des Widerspruches oder Wider-
sinnes, wie es entsteht, wenn die ausgestreckten Arme
einer Statue als Aleiderhalter benutzt werden. Zweifel-
los müßte auch hier ein solches Gefühl in uns ent-
stehen, wenn wir unter den vorausgesetzten Umständen
noch an den praktischen Zweck, den Teller und

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