Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

Page: 280
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1898_1899/0304
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Chronik des Bayer. Kunstgewerbevereins.

daher, einem Wunsche des Vortragenden folgend, auf eine
Aufzählung der zahlreichen hochinteressanten Mittheilungen, in
der Hoffnung, bei einer späteren Gelegenheit Einiges von diesen
intimen Werkstaltbegebnissen, welche die steten Begleiter unseres
zn so schöner Blüthe gelangten Münchener Kunstgewerbes waren,
ausplaudern zu können. — Mit Befriedigung konnte Redner
am Schluffe seines Vortrages auf die in überaus großer Anzahl
ausgestellten prächtigen Goldschmiedearbeiten älterer, neuerer
und allerneuester Zeit Hinweisen, welche den Beweis brachten,
wie viel Kunstfertigkeit in München vorhanden ist. Dem mit
allseitigein Beifall aufgenom-
meneu Vortrag folgte zunächst
eine Erläuterung der älteren
Arbeiten durch den Vortragen-
den selbst, dann eine durch köst-
liche humorvolle Wendungen
gewürzte Vorführung der
neueren Arbeiten durch pof-
goldschmied per den. Wir
müssen es uns leider versagen,
all die Namen der zahlreichen
Aussteller zu nennen, unter
denen kaum ein bedeutender
Vertreter des Fachs fehlte
und von denen Zeder treffliche
Proben seiner Kunst zurSchau
gestellt hatte. — Nachdem der
Vorsitzende, Prof. v.Thiersch,
dem Redner gedankt, nahm
er Veranlassung, an die Aus-
stellung zu erinnern, welche
unser verein im Jahr ;876
als Jubiläum seines 2sjähr.

Bestehens veranstaltete, und
eröffnete die Aussicht, daß
auch beim sojähr. Bestehen
i.I. voraussichtlich eine
ähnlich geartete Feier in
Scene gehen werde.

Zur zwanzigsten Wochen-
versammlung — am 25. April
— mitLehrlingspreisver-
theilung und Schlußfeier
hatte sich u. A. auch Se. Exc.

Staatsminister Freiherr von
Feilitzsch eingefunden, der
damit in erfreulichster weise
sein reges Interesse an dem
Gedeihen des Vereins be-
kundete; andere hohe Gönner — wie Se. Exc. Graf zu Eastell und
Bürgermeister v. Borscht — hatten sich ausdrücklich entschuldigt.
Der von Ringer sehr geschmackvoll ansgeschmückte Saal war dicht
besetzt, als der Vorsitzende, Prof.v.Thiersch, die Versammlung
eröffnete mit einer Schilderung des Lehrlingswesens innerhalb
unseres Vereins; den statistischen Angaben ist zu entnehmen, daß
der Prämienfond eine pöhe von 588; M. erreicht hat, also an
Zinsen 232 M. zur Verfügung stehen, und daß bis jetzt 409
Lehrlinge prämiirt worden sind. Unter den heileren Klängen
eines Marsches betraten alsdann die zu prämiirenden Lehr-
linge den Saal, woraus denselben unter Verlesung des über
ihre eingelieferten Arbeiten abgegebenen Urtheils die Preise
und die Geleitrbriefe ausgehändigt wurden. Die Namen der
Preisträger konnten wir noch in unserer Mainummer bringen;
es sei hier noch bemerkt, daß sich namentlich unter den Metall-
arbeiten ganz vortreffliche Arbeiten befanden. Zum Schluß

der Preisvertheilung wandte sich Prof, von Thiersch an die
Lehrlinge mit der ernsten Mahnung, diesen Augenblick des
Uebergangs aus dem Lehrlings- in den Gesellenstand nicht als
einen Abschluß, sondern als eine Vorstufe zn weiterer Ent-
wicklung zu betrachten, — sowie allezeit des Dankes eingedenk
zn sein, den das Knnsthandwerk und mit ihm seine Vertreter
den Gönnern desselben, insbesondere dem hohen Protektor des
Vereins schulde, — eine Mahnung, die in einem freudig aus-
genommenen „Poch" auf das ehrwürdige Staatsoberhaupt, den
Prinzregenten gipfelte, worauf auch der hohen Staatsregierung,

derGemeindennd denMeistern
der Lehrlinge der Dank für
ihre Bemühungen um den
verein ausgesprochen wurde.

Nachdem die preisgekrönten
Lehrlinge an der gedeckten
Tafel Platz genommen hatten,
schilderte pofgoldschmicd Th.
p ei den in einer trefflichen
Rede die Empfiudungen, die
beim Eintritt des Lehrlings
in das Geschäft bei Lehrling
und Meister auftanchen; der
elftere denke zumeist nicht
daran, „was kann ich bei ihm
lernen sondern, „ist er brav
oder schlimm oder bös?", und
der Meister erinnere sich daran,
daß kaum unter fünf oder
zehn Lehrlingen einer ist, der
das ersehnte Ziel tüchtiger
Fachausbildung völligerreicht.
Die „Lobs" seien nicht gar
dicht gesäet und umso wohl-
thuender wirke daher dann
die vollends durch den Verein
ausgesprochene öffentliche Be-
lobung ; dem Verein, der da-
durch auf die Lehrlinge in
hohem Maaß aneifernd wirke,
bringe er daher sein „Poch"
aus.

Im weitern Verlauf des
Abends, der durch allerlei
musikalische Vorträge, eine
Reihe prächtiger Männer-
quartette in doppelter Be-
setzung (Mitglieder des bayer.
Kunstgewerbevereins) sowie
durch prächtige Eellovorträge (von Weber, begleitet von
K i r ch e r) gewürzt wurde, ergriff Professor vr. Sepp das
Wort, indem er an das anfängliche Wirken des Kunstgewerbe-
vereins anknüpfte und schließlich es als eine Pflicht Münchens
hinstellte, demjenigen Mann, der als Künstler den ersten Grund
zur künstlerischen Blüthe unserer Stadt gelegt, P. Eornelins,
ein Denkmal zu errichten, woran auch unser Verein sich be-
theiligen müsse. Der Vorsitzende erkannte gern an, daß hier
allerdings eine versänmniß vorliege, und daß gewiß unser
Verein nicht zurückstehen werde, wenn von den berufenen
Stellen aus diese Denkmalsangelegenheit in Fluß gebracht
werde. — Unter der Fülle des fernerhin Gebotenen erntete
Bildhauer Bradl mit seinen humoristischen Vorträgen wohl
die meisten Lorbeeren, und gar Manchem zwang noch aus dem
peimweg in später Nachtstunde die Erinnerung ein Lächeln auf
die Lippen. Auf Wiedersehen im perbstl

420. Geschmiedetes Grabkreuz. Entwurf von Architekt F. Stnl-
berger, München, Ausführ, von E. peilmeier, Landshut.

verantw. Red.: Prof. £. Gmelin. — Herausgegeben vom Bayer. Aunstgewerbe-Verein. — Druck und Verlag von R. Dldenbourg, München.
loading ...