Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

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Englische und kontinentale Nutzkunst.

Sngkistße und Konkmeniake (Nui^
Kunst. (Von H. Muißeslue.

anlagung der Engländer — bis das Studio die
Barrikade einriß.

Jetzt änderten sich die Anschauungen fast mit
einem Schlage. Wer heute nach Deutschland kommt,
kann kein Geschäft besuchen, ohne daß ihm englische
Kunsterzeugnisse vor allen anderen angepriesen
werden. Das Wort „englischer Geschmack" ist bereits
zum Gemeinplatz geworden. Sich „englisch" einzu-
richten gilt heute selbst dem Spießbürger als Ideal,
englisch ist heute das „Neueste".

Diese plötzliche Hochachtung englischer Kuust-
erzeugnisse ist nur die eine Folge der neuen Er-
scheinung. Eine andere war der sogleich mit Heftigkeit
auftretende Wunsch unserer Künstler, ähnliche neue

Aufschwung, den die angewandten
Künste innerhalb der letzten drei
oder vier Jahre auf dem Fest-
lande genommen haben, ist er-
staunlich und in der Geschichte
der Kunst fast beispiellos. Eine
neue Kunstrichtung hat ihren Einzug gehalten und
eine vollständige Umbildung des Geschmackes scheint
bevorzustehen. Welch' ein Unterschied gegen die Zeit
von vor zehn, ja fünf Jahren! Damals beschränkte
sich die Anzahl derer, die
an die Möglichkeit einer
neuen, modernen Nutzkunst
glaubten, auf Wenige und
nur der Blick einer kleinen

47<5. Fliesengemälde (Lmailmalerei) von L. v.kfofmann, ausgeführt von <L. Schirm, Berlin.

Gemeinde war frei genug,
die Erfolge zu sehen, die
jenseits des Kanals aus
einer neueingeschlagenen
Kunstrichtung bereits reif-
ten. Da erschien eines
Tages eine geschmackvoll
ausgestattete, durch ihre
Billigkeit Jeden: zugäng-
liche englische Zeitschrift,

»IKe Studio«, und öffnete
der kontinentalen Welt ein
Gesichtsfeld in eine neue,
bereits fix und fertig da-
stehende Kunst, die wie
eine Offenbarung wirkte.

Ulan sah mit Erstaunen eine künstlerische That
bahnbrechender Art von einem Bolke verrichtet, das
Napoleon so treffend als ein Volk von Krämern
bezeichnet hatte und dessen Vertreter in unserer Ein-
bildung hauptsächlich als Karikatur des gelangweilten
Weltreisenden eine Rolle spielten. Künstlerische Fähig-
keiten hatte man ihnen auf den: Kontinent gewohn-
heitsmäßig schon lange abgesprochen. Ulan hielt
sie höchstens für „praktisch".

Wer Gelegenheit gehabt hat, zwei Völker in
ihrer Eigenart genau kennen zu lernen, für den ist
es erstaunlich, mit welcher Summe von Vorurtheilen
sie sich gegeneinander zu verbarrikadiren pflegen.
Die Schanze wird um so höher gebaut, je stammes-
verwandter beide sind. Die Vorurtheile thürmen
sich so hoch auf, daß man gar nicht mehr im
Stande ist, über sie hinwegzublicken. So ging es
mit unserer Vorstellung der unkünstlerischen Ver-

Wege aufzusuchen, wie sie die Engländer eingeschlagen
haben. Die kleineren Geister ahn:ten direkt nach,
und heute scheint es in Deutschland und Frankreich
ein ganzes Gewerbe von Uluster- und Ulöbelzeichnern
zu geben, die in: „englischen Geschmack" arbeiten,
wobei es ihnen denn passirt, daß sie sich an Aeußerlich-
keitcn halten, die sie in's Ulaßlose übertreiben und so
lustig dem Geiste des wirklich englischen Geschmackes
in's Gesicht schlagen. Was wird einen: heute in
Ausstattungsgeschäften nicht alles als„englifcheUlöbel"
angeboten! An allen Ecken Auswüchse und niöglichst
viel Verrücktheiten, das scheint die Losung für den
englischen Geschmack dieser Leute zu sein. Sie ahnen
nicht, daß dieser Geschinack doch vor allem „praktisch"
ist, die Eigenschaft verkörpernd, die wir sonst den: Eng-
länder nach alter Ueberlieferung so freigebig zubilligen.

Die größeren Geister — und nur mit ihnen beschäf-
tigen wir uns hier — suchten selbständig das zu thun,

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