Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 77.1927

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schönerer Gestaltung und trefflicher Arbeit ein Käufer
vom Durchschnittsmaß bestenfalls mehr zu zahlen be-
reit sein? Dieser maximale Verkaufspreis muß aber
recht vorsichtig bemessen werden, und der geht
irre, der entweder mit dem kaufwütigen Amerikaner
aus Utopia rechnet oder von der Meinung ausgeht,
jeder Mensch lebe nur halb, wenn er nicht eine Arbeit
von ihm besitze. Hier unerbittliche Selbstkritik zu üben
ist der Kern der Verdienstmöglichkeit im Kunstge-
werbe. Hat man Gelegenheit, so vergleiche man den er-
mittelten Verkaufspreis noch mit dem ähnlicher kunst-
gewerblicher Arbeiten, die nachweislich gekauft wer-
den. Und dann kann man rückrechnend durch Abzug
der Verkaufs-, Versand-, Korrespondenzspesen, allge-
meinen Unkosten und beabsichtigtem, bescheidenen
Gewinn feststellen: Für höchstens so viel Mark und
Pfennig darf Material und Arbeit an den Gegenstand
verwendet werden. Ist er dafür nicht herstellbar, dann
hat die Arbeit keinen wirtschaftlichen Sinn. Er ist aber
meistens herstellbar, wenn man einen zeitgemäßen Ent-
wurf zugrundelegt, und in diesen rechnerischen Zu-
sammenhängen zwischen Zeit und Kunstgewerbe kann
man die Erdleitung zu den großen Theorien von Be-
kämpfung des Ornaments, Zweckform, Sachlichkeit
entdecken. Es schließt sich der Kreis. Zugleich sind
aber zwischen der Kostenfrage und der Forderung eines
Anreizes auf den Käufer Weg und Aufgabe für den
heutigen Kunstgewerbler abgegrenzt. Denn der Käufer
zahlt für sein Erzeugnis allerhöchstem so viel mehr,
als es ihm im Vergleich zur Fabrikware besser gefällt,
vorausgesetzt, daß es ebenso brauchbar ist. Eigentlich
muß dieses Wohlgefallen sogar etwas größer sein, als
dem Preisunterschied entspricht, denn der Käufer muß
doch auch einenGewinn machen, sonst hat er die gleiche
Freude daran, das Geld zu behalten, das er mehr aus-
geben soll. Selbstverständlich erhöht jede kleine Ver-
ringerung des Preises die Absatzmöglichkeit in unver-
hältnismäßiger Weise.

Demgegenüber ist natürlich der Glaube unhaltbar,
daß der Aufwand an Material und Arbeit einen An-
spruch auf Bezahlung begründe und nur zusammen-
gezählt zu werden brauchte, um einen Preis zu machen.
Es fragt ja niemand nach dem gemachten Aufwand,
sondern nur danach, wieviel das Ergebnis dem wert
ist, der es bezahlen soll. Und den niemand dazu zwin-
gen kann. DieBereitwilligkeit des Käufers ist alles, und
sie kann nur durch ein Angebot gewonnen werden,
das ihm vorteilhaft erscheint.

Sie kann aber auch dann noch recht in Frage ge-
stellt werden, wenn die üblichen kaufmännischen Ge-
pflogenheiten mißachtet werden. Die Kunstgewerbler
stehen hierin leider nicht in bestem Ruf und es gibt
viele Klagen z. B. über Nichtbeantwortung von Briefen,
Überschreitung von Voranschlägen, Nachforderungen,
verspätete Lieferung u.dgl., die der heutige von allen
Seiten auf Händen getragene Käufer schwer verzeiht.
Namentlich der Wiederverkäufer muß, um selbst be-
stehen zu können, pünktliche Arbeit und eine glatte
Abwicklung des Geschäfts beanspruchen. Auch kann
er selbstverständlich nur dann seine eigenen Kosten
decken, wenn er erheblichen Preisnachlaß erhält und
dafür gesorgt ist, daß nicht der Hersteller die gleiche
Ware am gleichenPlatz billiger verkauft, ihm also durch
Unterbietung das Geschäft verdirbt. Das alles sind Ne-
bendinge, von denen man versteht, wenn sie derKunst-
gewerblerimDrange seines eigentlichenSchaffens über-
sieht. Er muß ihnen aber gerecht werden und die ver-
steckten Fehler seiner Erwerbstätigkeit abstellen, um
sein Fortkommen zu sichern. Damit wird er aber auch
zu wesentlich hoffnungsvolleren Anschauungen über
die Marktlage kommen, er wird sich davon überzeugen
können, daß es noch breiteKäuferkreise gibt, die durch-
aus nicht auf Geschmacklosigkeit eingestellt sind, son-
dern ein zeitgemäßesKunstgewerbe, das auch den wirt-
schaftlichen Forderungen Rechnung trägt, gerne auf-
nehmen. Pau, Danzer

BÜCHE B - UND . Z E I T S C H R I F TEN

Paul Schultze-Naumburg, Das bürgerliche
Haus, Frankfurt a. M., H. Bechhold, 1926. — Julius
Kempf, Das Einfamilienhaus des Mittel-
standes, München, Callwey, 1926. — Neuzeit-

licher Hausbau (Monatsschrift), Verlag Dietsch
& Brückner A. G., Weimar.

Zur gleichen Zeit ist über drei Neuerscheinungen zu
berichten, die sich auf den Bau von Einfamilienhäusern

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