Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 77.1927

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gekommenen Kunststadt- und Niedergangsdebatten zu
verhalten haben?

Wir haben, leider, sehr bereitwillig Anlaß gegeben,
daß man uns mit bitteren Wahrheiten überhäufte. Das
steht außer Frage. Aber ebenso fraglos ist auch, daß eine
Mode des wohlfeilen und unberechtigten Schimpfens auf
München eingerissen ist, die für uns keineswegs den
Nutzen hat, den das Anhören und ernstliche Erwägen
heilsam bitterer Wahrheiten mit sich bringt. Wir können
und sollen meines Erachtens bei jeder sich bietenden Ge-

KLEINE MIT

Frühjahrsschau Münchner Kunst in Nürnberg.
Unter Leitung von Prof. Fritz Traugott Schultz findet z.Zt.
in der neugestalteten Noris-Halle am Marientorgraben in
Nürnberg eine sich über z Monate erstreckende Aus-
stellung Münchner Kunst statt. Die Ausstellung zielt
nicht darauf ab, einen möglichst lückenlosen Querschnitt
des heutigen Münchner Kunstschaffens zu geben, läßt
aber dafür eine gemessene Zahl von Künstlern mit
mehreren Werken zu Wort kommen. So findet man
u. a. die Namen Stuck, Habermann, Caspar, Frau Cas-
par-Filser, Schrimpf, Müller-Wischin, Püttner, Benno
Becker, Sepp Frank, Willi Geiger, Zügel, Wackerle,
Bleeker; dazwischen wird wenig, aber erlesenes Kunstge-
werbe geboten: vorzügliche Arbeiten von E. Jaskolla,
A. von Mayerhofer, J. Hillerbrand, M. Pfeiffer, M. Kolb,
J. und K. Leipfinger, Rieh. Klein, Berner-Lange, Keilig,
H. Sattler, Rührig, der Fachschule Zwiesel, der Ruprecht-
presse und der Deutschen Werkstätten geben einen
hohen Begriff Münchner Kunstgewerbes. Die Ausstellung
dauert bis i. Mai.

Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker.
Der Gedanke einer Meisterschule für das deutsche Buch-
druckergewerbe ist einem längst bestehenden Bedürfnis
entsprungen. Es kann als ein erfreulicher Erfolg für
München gewertet werden, daß er hier zur Verwirkli-
chung gelangt ist. Im Anschluß an die Städtische Ge-
werbeschule für die graphischen Berufe an der Pranckh-
straße (Oberstudiendirektor Renner) wurde die neue
Anstalt gegründet und am i. Februar durch eine ein-
drucksvolle Feier eröffnet. Oberbürgermeister Scharnagl
dankte dem Deutschen Buchdruckerverein, daß er bei
der Wahl des Ortes für die Schule München den Vor-
zug gegeben hatte und begrüßte die Ehrengäste, dar-
unter den Reichstagspräsidenten Lobe, die Vertreter
der Staatsministerien, der Regierung, der Handels- und
Handwerkskammer und der Berufsverbände. Dr. Peters-

legenheit berufene und ehrlich gemeinte Kritik an unse-
ren Zuständen ernsthaft debattieren. Wir sollten dabei
freimütig zugestehen, daß viel versäumt, im Drang der
Not viel verfehlt wurde, daß man aber in ganz genau der
gleichen Lage auch anderwärts ist. Man sollte also nicht
Verstecken spielen und so tun, als sei bei uns alles in
schönster Ordnung, in höchster Blüte, sondern man sollte
der Welt deutlich sagen und zeigen, daß man in Mün-
chen wieder lebt, plant und handfest zugreifend wieder
aufbaut, wo immer die schlimme Zeit zerstört hat.

Fortsetzung folgt

TEILE NGEN

mann-Leipzig als Vorsitzender des Deutschen Buch-
druckervereins sprach über Zweck der Gründung und
Aufgaben der Meisterschule, ihm folgte Min.-Rat
Daxenberger, der namens des Bayerischen Kultusministe-
riums die neue Anstalt begrüßte und ein Patengeschenk
von jocoo Mark überbrachte. Als Vertreter des Kreises
Bayern des Deutschen Buchdruckervereins dankte Herr
Alexander Oldenbourg allen geistigen und materiellen
Förderern des Unternehmens. Weiterhin schilderte
Prof. Fritz Götz der Leipziger Akademie in einem Fest-
vortrag Münchens und Bayerns Anteil am technischen
Fortschritt im Buchgewerbe. Nach einem Schlußwort
von Ob.-Stud.-Dir. Renner erklärte Oberbürgermeister
Scharnagl die Meisterschule für eröffnet. Die besten
Wünsche begleiten die für München so bedeutungsvolle
Anstalt, möge sie unserer Druckkunst und deren jungem
Nachwuchs neue erfolgreiche Wege öffnen und den
alten Ruf unserer Stadt auf kulturellem und künstle-
rischen Gebiete mehren helfen.

In der Volkswirtschaft liehen Gesellschaft sprach
am 17. März Dr. Danzer über „Die Gewerbekunst
und ihre Entwicklung in der Wirtschaft“. Der
Vortrag war auf die Zusammenhänge und Wechselbe-
ziehungen zwischen gewerblicher Kunstübung und Wirt-
schaft eingestellt, mußte sich deshalb mit den Gegensätzen
zwischen Kunst und Kapitalismus befassen. Unbeschadet
der unbestreitbar kunstfördernden Gesinnung einzelner
Kapitalistenist das Wesen des Kapitalismus ^Wirtschafts-
form, sein schrankenloses Gewinnstreben notwendiger-
weise kunstfeindlich, und es ist ein schon recht bedenk-
liches Schlagwort, wenn man erwartet, daß die ehedem
als Träger der Kunstentwicklung wirkendenMächte, Staat,
Kirche, Fürsten, Bürgertum, Städte, künftig durch eine
Macht abgelöst würden, die im Geldverdienen fußt und
kurzfristige Geschäfte treibt, ohne sich über ferne Zu-
kunftsbegriffe Gedanken zu machen. Mit Eintritt des

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