Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 77.1927

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F R A N Z VON STUCK

Wenn man Arbeiten von Stuck zu sehen bekommt,
so ist der erste Eindruck der eines beherrschten, über
seine Mittel frei verfügenden Könnens. Das würde an
sich noch nicht viel besagen in einer Zeit, die so gründ-
lich wie die unsrige an jedem Könnertum gezweifelt
hat und sicher mehr, als das für die Kunst zuträglich
sein konnte, hinter dem tatsächlichen Geschehen und
Gestalten die sittlichen oder auch die dämonischen
Kräfte aufzuspüren versucht hat. Wir fragen also wei-
ter, ob die Kunst Franz von Stucks aus ihrer Reife und
Schließung heraus an unseren heutigen künstlerischen
Nöten Anteil nehme. Es ist bekannt, daß Stuck in sei-
nem Wohnhaus architektonische und dekorative Ge-
danken ausgesprochen hat, die wir heute, nach fast
dreißig Jahren, als die eminent zeugungsfähigen er-
kennen. Das Lenbachhaus und das Künstlerhaus be-
deuteten den Abschluß ihrer Periode. Kaum vollendet
waren sie zu Denkmälern derVergangenheit geworden.
Stuck dagegen hat in seiner „Villa“, die der italienischen
Benennung würdiger ist als die übrigen Wohnhäuser
von Bogenhausen, einen neuen Begriff von Architektur
geschaffen, der aus dem heutigen Bewußtsein kaum
mehr fortgedacht werden kann. Was von Schönheit
und Ordnung, von Echtheit und Originalität, von Ma-
terialsinn und Totalität des dekorativen Eindrucks er-
reicht war, wurde uns eingestanden oder uneingestan-
den zum Maßstab. Mehr die Künstlerschaft Münchens
als das breitere Publikum ist sich bewußt, daß die
Erneuerung und lokale Ausgestaltung des Münchner
Kunstgewerbes auf das von Stuck geschaffene deko-
rative Urbild zurückzuführen sind. Mosaiken und Glas-
malereien, Metallgegenstände und Möbel aller Art ent-
stehen in seinem Gefolge und bilden in ihrer Gesamt-
heit die antikisierende Gegenströmung zu der breiten
Fülle lokaler Barock- und Rokokoformen, die sich an-
maßen, für Bayern typisch zu sein und die in immer
dünneren Aufgüssen das höfische oder bäuerliche acht-
zehnte Jahrhundert propagieren. Es wäre eine der
dankbarsten Aufgaben, die ich mir denken könnte, in
den verschiedensten Kunstzweigen dieser Auswirkung
Stuckscher Ideen nachzugehen. Nachzuprüfen, wie
unsere Auffassung von Schrift und Plakat, wie unsere
Bühnenbilder, die ganze Ausprägung der Münchner
Farbskala, unsere Festkultur von Stuck belebt worden
sind. Jedenfalls war die Hausschöpfung Stucks eine
derartige, daß man es nicht nur begreiflich finden, son-
dern eine wohlerwogene Absicht darin sehen muß,
wenn diese persönlichste Umwelt für das Schaffen des

Künstlers zu einer Art von Voraussetzung, zu einer Stil-
bindung wurde, die viel unberufenen Tadel herausge-
fordert hat. Die Zeitgenossen urteilten gerechter. „Es
gibt Künstler“, schreibt Otto Julius Bierbaum im Jahre
1901, „die mit einem kahlen Atelier auskommen und
so wenig ästhetische Lebensbedürfnisse haben, daß sie
ohne sich elend zu fühlen, zwischen den Erzeugnissen
des schlechtesten Kunstgewerbes hausen können. Es
müssen das nicht notwendig geringe Künstler sein. Es
gibt sogar bedeutende, die so kunstverlassen wohnen
und das Mißverhältnis gar nicht zu fühlen scheinen, das
darin liegt, wenn ihre und ihrer künstlerischen Freunde
gute Bilder an Wänden hängen, die mit elenden, schmier-
farbigen, linienplumpen Tapeten beklebt sind. Und es
gibt andere Künstler und auch unter ihnen solche von
Bedeutung, die wie in einem Trödelladen oder einem
Kuriositätenkabinett malen und wohnen, umgeben von
allen möglichen Altertümern, guten und schlechten,
echten und nachgemachten, alles wirr und bunt durch-
einander, amüsant aber stillos. Es sieht,malerisch“ bei
ihnen aus, aber das Wort hat einen fatalen Nebenklang
und riecht nach Boheme. Solche Künstler, die einen
wie die anderen, werden als Schaffende alles mögliche
sein können, nur nicht Künstler von monumental-de-
korativer Note. Wem sein Kunstschaffen so viel be-
deutet, wie Schönheit ins Leben tragen, das Leben im
großen Stile schmücken, der wird, sobald er es nur
irgend vermag, darauf bedacht sein, dem eigenen Leben
in diesem Sinne schmückend zu dienen. Er wird sich
selbst mit all der Schönheit umgeben, die der Inhalt
seiner Kunst ist. Er wird alles um sich nach dem Bilde
seiner Schönheit formen, denn jede andere Umgebung
würde auf ihn ernüchternd, fremd wirken. Er braucht
die Schönheit, seine Schönheit als Atmosphäre, in der
allein er als Künstler wirklich leben, nämlich schaffen
kann. Sie allein gibt ihm das Gefühl, zu Hause, bei sich
zu sein. In ihr, aus ihr empfängt er Anregung, nur in
ihr lebt, webt und ist er.“ In ähnlichem Sinne, klar und
mit greif barer sinnlicher Anschaulichkeit beschreibend
hat Georg Habich im 49. Jahrgang dieser Zeitschrift
diese schöpferische Wechselwirkung von Haus und
Kunst gedeutet. Das war also die Idee des Ganzen und
man fragt nach den realen Ergebnissen.

Der architektonische Stil, den Stuck geschaffen hatte,
war in seiner späteren Auswirkung keineswegs bild-
freundlich, oder besser gesagt, nicht gemäldefreund-
lich. Denn wenn sich die Bauformen irgendwie ver-
härteten, oder wenn sie mit drängender Energie ge-

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