Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 77.1927

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APHO R I S M E N VON ADOLPH BAYERS D O R FE R

Die große Mäßigung des Leidenschaftlichen bei Bach
und Dürer, fortwährendes Uberwiegen der Über-
legung über den künstlerischen Affekt, Vermeidung
des Trivialen geht bei ihnen aus der Energie ihrer In-
dividualität, der Tiefe ihrer künstlerischen Anlage und
ihrem Genügen an überwundenen Schwierigkeiten, die
rein künstlerisch formaler Natur sind, hervor.

Alle Ergebnisse der Reflexion, wenn auch noch so
überrraschend, verlieren naturgemäß gleich bei ihrem
Auftreten mit der beginnenden Assimilierung den Reiz
der Neuheit.

Nur intuitiveWahrheiten sind mit dem Reize ewiger
Jugend ausgestattet, sie sind zeitlos und kennen keine
Geschichte und erst mit dem letzten fühlenden Men-
schen werden sie erlöschen, sinken sie in die Nacht zu-
rück, aus der sie einst die Seherkraft des Künstlers em-
porgehoben.

Jede Erscheinung kann ihrem lebendigen Gehalte
nach auf ebenso viele Arten zur künstlerischenAnschau-
ung gebracht werden, als es schaffende Individuen gibt.
Auf diesem unendlich mannigfachen V erhältnis des Ob-
jekts zum fühlenden Subjekt beruht die Originalität, ein
unerläßliches Erfordernis zum Kunstwerk.

Macht sich jemand die äußerliche Erscheinungs-
weise der Originalität eines andern zu eigen, so wird
das gleichsam eine Schablone, mit der er jeden Stoff
bearbeitet und die ihn von der unmittelbaren Empfin-
dung abhält.

Der Künstler ist bei der Darstellung gewisser Er-
scheinungen, für welche ihm auch die tiefste Wissen-
schaft keinen genügenden positiven Rat erteilen könnte,
lediglich auf die Empfindung beschränkt, so zum Bei-
spiel der Maler bei der perspektivischen Verkürzung
aller nicht geraden Linien, besonders am menschlichen
Körper, der in vielen Stellungen ein mannigfaches Netz
von Kurvenformen bieten kann, welche die einge-
hendste Deskriptionslehre nicht mathematisch festzu-
stellen imstande wäre.

Die Bedingungen zum Kunstwerk ruhen einzig im
Künstlergeiste, nicht in der Natur.

-Jede Natur, die im Kunstwerke zur Erschei-
nung kommt, muß das Gepräge einer individuellen
Künstleranschauung, einer originalen Auffassung an
sich tragen. Der Künstler muß von der zu bearbeiten-
den Natur eine bestimmte, ihm eigentümliche klare
Anschauung bekommen und imstande sein, dem emp-
fänglichen Beschauer gerade jene individuelle, eng be-
grenzte Stimmung wieder zu erwecken, so daß er das
ganze Bild, wie es durch das Gemüt des Künstlers ge-
zogen, und dadurch uns menschlich nahe gerückt ist,
mit gleicher Lebhaftigkeit nachempfinden kann. Je
richtiger und wahrer nun die Auffassung eines Künst-
lers ist, je allgemeingültiger sein Geschmack, je allge-
mein menschlicher seine Anschauung ist, einer desto
größeren Anzahl von Charakteren und Gemütern wird
er zugänglich und verständlich sein.

Z U E 1 N E M R ELI E F V () N R U T H SCHAU MANN

Der klassische Einschlag, der im ip. Jahrhundert
fast ausnahmslos, selbst in scheinbar anderem Wollen
gerade für die Plastik die Gesetze prägte, legte auch
in der Form allein die Schönheit fest. Daß es auch
einen andern Weg gibt, um Plastik zu formen, hat
man übersehen, obwohl er doch im europäischen Mit-
telalter der allein maßgebende war. Das geistige Wollen
hat damals sich immer erst die Form geprägt. Das
Organische, Naturhafte war Nebensache.

Aus diesem Grunde steht man auch gewissen neuen
Kunstwerken in weiteren Kreisen so hilflos gegen-
über, weil man immer nur die naturgetreue Form
sucht und sich nicht von der Formphantasie des Künst-
lers tragen lassen will. Ruth Schaumann, die sich so-
zusagen erst die Fülle der Welt erobern mußte, läßt
sich schon aus diesem Grunde nur von einem innern
Gefühle lenken. Ihr lyrisches, echt weibliches Grundge-
fühl dichtet nicht nur in Worten, sondern auch im stoff-

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