Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 77.1927

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50 .1 A H R E KUNSTGEWE R B E V E R E I N

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Der Kunstgewerbeverein Pforzheim, begeht in die-
sen Tagen das Fest seines fünfzigjährigen Bestehens.
Seine Gründung fiel wie die vieler anderer Kunstge-
werbevereine in die Zeit, als nach Gründung des Rei-
ches und in beginnender Erstarkung auch unserer
wirtschaftlichen Geltung sich der Wille der Befreiung
von ausländischen Vorbildern immer kräftiger regte
und man den Geist vergangener Handwerkskunst
wachrief, um technisches Können und gute Arbeit neu
zu beleben. Pforzheim war damals ein Städtchen von
etwas über 20000 Einwohnern, aber von regem Ge-
werbefleiß und ernstem Streben, heute ist es der Be-
völkerungszahl nach fast zu den Großstädten zu zählen
und seine gewerbliche Produktion ist in aller Welt
bekannt. Ist es doch der Sitz einer ausgedehnten
Schmuckindustrie, die neben der fabrikmäßigen Be-
friedigung von Massenbedarf auch Einzelstücke von
erlesenem künstlerischem Rang hervorbringt. Zwei
Keime zu dieser Entwicklung sind vor nunmehr fünf-
zig Jahren in Wirksamkeit getreten. Die Großherzog-
liche, jetzt Staatliche Kunstgewerbeschule als Pflege-
und Erziehungsstätte für tüchtiges Können und aus
der Bürgerschaft heraus der Kunstgewerbeverein, der
sich im weiteren Rahmen die Hebung des Interesses
an jeglicher Kunst, die Werbung in der Öffentlich-
keit, die Anregung der Schaffenden und die Ge-
schmacksbildung der Massen, aber auch die Förde-
rung junger Talente zur Aufgabe machte. Fünf Jahr-
zehnte haben die beiden Stellen, Schule und Verein,
in zielbewußtem Einvernehmen zusammengewirkt und
jede an ihrer Stelle und mit ihren Mitteln an dem ge-
meinsamen Ziel gearbeitet.

Die Verhältnisse der aus dem kleinen Rahmen der
Provinzstadt allmählich herauswachsenden Stadt haben
es mit sich gebracht, daß dem Kunstgewerbeverein
Pforzheim Aufgaben verschiedenster Art erwuchsen
und er hat es nicht gescheut, weiter auszugreifen, er
hat neben seinen Zielen im Kunstgewerbe zugleich
die Aufgaben eines Industrievereins übernommen, auf
der anderen Seite aber auch einen fehlenden Kunst-
verein ersetzt und sich durch Ausstellungen freier Kunst
auch um deren Förderung verdient gemacht. Voran
stand gleichwohl die Versorgung der aufstrebenden
Industrie mit guten Vorbildern und Entwürfen und
mit tüchtigen künstlerischen Kräften. Diente dem

einen Zweck der Ankauf und die Verleihung guter
Modelle, so beiden eine fortlaufende Reihe von Wett-
bewerben, für deren Kostendeckung der Verein die
Unterstützung freiwilliger Stiftungen fand. Gegen-
stand dieser Wettbewerbe war fast immer eine mit
der heimischen Industrie in Verbindung stehende Auf-
gabe. Es eröffnete sich aber darin zugleich ein Weg,
um talentvolle junge Kräfte rasch vorwärts zu bringen
und manch einer der mit Preisen Bedachten hat mit
dem hier erzielten Erfolg sich eine glückliche Lauf-
bahn eröffnet. Die Werbung nach außen wurde durch
Beschickung von Ausstellungen, so der Pariser Welt-
ausstellung 1900, der in St. Louis 1904, der Werk-
bundausstellung Köln 1914, der Münchener Gewerbe-
schau 1922 wirksam betrieben, auch auf den Messen
ist der Kunstgewerbeverein Pforzheim bereits aufge-
treten.

Neben solcher Arbeit ging die Schaffung einer Fach-
bücherei, die Herausgabe einer Zeitschrift, die Abhal-
tung von Vortragsabenden einher. Auch wurden in
Pforzheim immer wieder Kunstgewerbe- und Kunst-
ausstellungen anregender Art veranstaltet und im Laufe
der Jahrzehnte ein stattliches Schmuckmuseum ge-
schaffen, das heute einen Bestand von über 4000 Stücken
sein eigen nennt.

Der Krieg riß in all diese erfolgreiche Arbeit wie
anderwärts eine empfindliche Lücke und bedeutete zu-
nächst Hemmung und Verzögerung. Doch kam schon
bald nach seiner Beendigung wieder frisches Leben
auf und man ging mit vermehrtem Eifer wieder an
die Arbeit. Von seiner Gründung bis zum Herbst des
vorigen Jahres war der Verein in der Kunstgewerbe-
schule untergebracht, deren Direktor Wang auch
3 5 Jahre an der Spitze des Vereins gestanden hat. Inzwi-
schen ist durch die „Ständige Muster-Ausstellung
G.m.b.H.“, der der Kunstgewerbeverein als Gesell-
schafter beitrat, im Zentrum der Stadt ein „Industrie-
haus“ errichtet worden und es gelang nach Gewährung
eines ansehnlichen Staatszuschusses in diesem bestgele-
genen Gebäude neue Räume für den Vereinszweck zu
schaffen, darunter auch moderne Ausstellungsräume
mit Oberlicht. Der Umzug in dieses schöne neue Heim
kann als Markstein in der Entwicklung des Vereins
gelten und eröffnete seiner Betätigung neue Möglich-
keiten. Man begann sofort mit der Veranstaltung einer

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