Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 77.1927

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glänzenden Ausstellung der Münchener Neuen Seces-
sion, der eine interessante Ausstellung des Pforzheimer
Künstlerbundes folgte. Auch eine Ausstellung von
Prof. Hildebrand und eine solche der Karlsruher Künst-
ler fanden großen Anklang. Zurzeit ist in den Räu-
men die Jubiläumsausstellung zu sehen, die der Verein
anläßlich seines fünfzigjährigen Bestehens veranstaltet.
Zugleich finden vier Wettbewerbe statt.

Seit die Erkenntnis reift, daß Kunstschaffen und
Kunstförderung Dinge sind, denen nicht mit weit-
ausgreifenden Programmen und länderüberspannen-
den Organisationen gedient wird, die vielmehr ihren
Antrieb aus den örtlichen Gegebenheiten heraus finden,
hat die Tätigkeit der Kunstgewerbevereine, die im
engen Anschluß an die Kunsterziehung und an die
kunstschaffenden Kreise künstlerische Anregung, För-
derung von Talenten und wirtschaftliche Hebung tüch-

E R

ZUR FEIER SEINES

Es gibt Familien von starker Geisteskraft, in denen
das Talent nicht ermüdet, sondern als Gabe wirksam
wird, die von Menschenalter zu Menschenalter in unter-
schiedlichen künstlerischen Charakteren sich offenbart.
Einer K ünstlerfamilie in diesem edelsten Sinne gehört
die Persönlichkeit an, deren Geburtsfest wir am 13. April
feiern. Erwin Kurz, dem diese Zeilen als bescheidenes
Zeichen der Verehrung zugedacht sind, als Bekenntnis
dessen, daß man ihn wert hält und der lebendigen
Inhalte sich bewußt ist, die sein Schaffen als Künstler
und Lehrer, sein reifes Menschentum uns übermitteln.
Der Vater war Dichter; die Schwester, Isolde Kurz,
kennt man als die Meisterin deutscher Erzählungs-
kunst. Der Sohn, Otto Orlando, steht im Begriff, unter
die führenden Geister der Architektenwelt aufzu-
steigen. Erwin Kurz selbst ist Bildhauer und mag sich
an seinem Ehrentage des seltenen Glücks bewußt
werden, für den Vater die Denkmale und für den
Sohn den bildhauerischen Schmuck von Monumental-
bauten geschaffen zu haben, die im architektonischen
Bild unserer Stadt für immer die Energie dieser schöp-
ferischen Familie bekunden. Es ist kein geringer Ruhm,
daß alle die Genannten nachbarlich vertraut gewesen
sind mit den Ersten und Führenden ihres Faches. Der

tiger Werkstätten sich zur Aufgabe gemacht haben,
an Bedeutung gewonnen. Ihnen bietet sich ganz be-
sonders die Möglichkeit, praktische Arbeit zu leisten,
gesunden Fortschritt mit der Wahrung des Guten zu
vereinigen, was wir überkommen haben. Sie sind
aber, wie der Kunstgewerbeverein Pforzheim in seinem
langjährigen erfolgreichen Wirken gezeigt hat, auch
ganz besonders dazu angetan, in engster Anpassung
an die tatsächlichen Verhältnisse im kleinen Kreise dem
großen Ganzen zu dienen und veredelnd auf die Pro-
duktion einzuwirken.

Mögen dem Kunstgewerbeverein Pforzheim im
zweiten halben Jahrhundert seines Bestehens neue Er-
folge auf dem von ihm betretenen bewährten Wege
beschieden sein, möge weiteres neues Blühen und Ge-
deihen die selbstlose und verdienstvolle Arbeit lohnen,
die in fünf Jahrzehnten hinter ihm liegt. p D.

70. GEBURTSTAGES

Vater Kurz gehörte zum Kreis Paul Heyscs. Isolde
Kurz pflegt an Gestaltungstalent mit Ricarda Huch
verglichen zu werden, und von Erwin Kurz kann man
nicht sprechen, ohne den Namen des großen Hilde-
brand zu nennen, der seinem Schaffen die Richtung
wies. Dem ganzen Kreis gemeinsam ist die Vorliebe
für das Italienische. Man denkt sie sich gern in Tos-
kana, in klaren, weiten Verhältnissen, im Umgang mit
schöner, sonniger, bürgerlich- großgestimmter Kunst.
Erwin Kurz hat an dieser südländischen Bildungsidee
seinen reich bemessenen Anteil.

Ein Schüler Hildebrands zu sein und sich als selb-
ständige Persönlichkeit zu behaupten, war eminent
schwierig. Denn Hildebrands Kunst war auf das Ab-
geschlossene gerichtet. Weder ihre Formenstrenge war
zu überbieten, noch ihr eigentümlicher Schönheits-
gehalt. Erwin Kurz besaß aber ein sicheres Gefühl
für das, was er seiner eigenen Entwicklung schuldig
war. Sein Sinn war dem Realen zugekehrt. Obwohl
ihm das Schönheitsideal Hildebrands vertraut war,
hat er die Einzelbeobachtung nicht außer acht ge-
lassen. Im Verkehr mit italienischen Altmeistern schei-
nen ihm die Frühen und Wörtlichen, die Realisten
lieber gewesen zu sein als die Klassiker. So schuf er

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