Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 2.1890/​91

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HERAUSGEBER:

CARL von LÜTZOW und ARTHUR PABST

WIEN KÖLN

Ueugasse 58. Kaiser-Wilhelmsring 24.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. II. Jahrgang.

1890/91.

Nr. 17. 26. Februar.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatf monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchrouik gratis. — Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Ver-
lagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasenstein St Vogler, Eud. Mosse u. s. w. an.

EIN UNBEKANNTES BILD VON LUCAS

CRANACH D. Ä. - ALTE GEMÄLDE IM

SCHLOSSE ZU ENNS.

Es wären genug Nachträge zu geben zu den
Verzeichnissen der Werke des älteren Oranach, welche
Heller und Schuchardt in ihren Büchern zusammen-
gestellt haben. Als kleinen Beitrag zu jenen Nach-
trägen will ich im Folgenden ein Bildchen veröffent-
lichen, das ich in der Litteratur nicht erwähnt
gefunden habe und von dem ich auch sonst an-
nehmen darf, dass es selbst in den Kreisen der
Kunstgelehrten noch ganz unbekannt ist.

Das Bild gehört der Landgräfin Karoline von
Filrstenberg, geborenen Fürstin Auersperg in Wien
und wurde mir im vorigen Jahre zum Studium
freundlichst für einige Tage überlassen. Dargestellt
ist das letzte Abendmahl, also ein Gegenstand, der
sonst auf Cranaclischcn Bildern selten beobachtet
ist. Unser Bildchen misst 0,26 in der Breite, 0,195
in der Höhe und ist auf ein dünnes Rotbuchen-
brettchen gemalt. Die Anordnung des Ganzen
*ird durch die Stellung des langen Speisetisches
parallel mit der Bildfläche im allgemeinen bestimmt.
An der Schmalseite links sitzen Christus und Jo-
hannes. Dieser lehnt sein Haupt auf den Heiland.
Aul' einer Bank, die im Vordergrunde der Langseite
des Tisches entsprechend aufgestellt ist, sitzt links
Judas. Ihm reicht Christus das Brot. Neben Judas
8ltet ein anderer Jünger, der aus einer Zinnkanne
Wein in einen Becher gießt. Rechts ein anderer
•'ungcr, der ein grünes Warzenglas in der Hand
''alt. An der Schmalseite rechts sitzen drei von den
"fingern; zunächst dem Beschauer einer, der einen ganz

gewaltigen Zug aus einem Zinnkruge thut. Im Mittel-
grunde an der zweiten Langseite des Tisches sitzen
vier andere Jünger. Ein weiterer (der zwölfte) kommt
von rechts herbei und bringt eine Flasche. Im äußer-
sten Vordergrunde steht rechts ein kupferner Wein-
kühler und darin eine zinnerne Feldflasche. (Ein sehr
verwandtes Motiv benützt auch der Sohn Lucas auf
seinem Altarbilde in der Hofkirche zu Dessau.) Judas
hat den Geldbeutel an der Seite hängen; die übrigen
Jünger sind ohne Attribute geblieben. Hintergrund
schwarz.

Das Monogramm und die Jahreszahl 1539 findet
man links unten an der Bank. (Vergl. das Fak-

simile.)')

Auf der Rückseite befindet sich

das moderne Siegel der Herrschaft Enns.

Die Erhaltung des farbenfrischen Werkes ist
eine vorzügliche, an allen wesentlichen Stellen tadel-
lose. Auf den älteren Cranach selbst weist die Sorg-
samkeit der Ausführung. Auch das Monogramm
und die Jahreszahl haben jenen Ductus, der ihnen
auf den eigenhändigen Werken des Meisters zu-
kommt. Die Form des Monogrammes ist die, wie
sie Cranach etwa zwischen 1533 und 1540 zu zeichnen
pflegte. Vor 1533 zeichnete er die Schlangen mit aufge-
richteten Flügeln, in den vierziger und fünfziger
Jahren mit liegenden Flügeln. Das Monogramm auf

1) Zu diesem inuss ich insofern eine Erläuterung gehen,
als durch ein Missverständnis sowohl das Bronchen auf dem
Kopf der Schlange als auch der kleine Stein des Ringes beim
Ketouchiren verloren gingen. Die all zu dicken oberen Quer-
striche der 3 und der 5 sind schon durch einen Fehler der
Hause bedingt Die Stellung der Flügel derenwegen ich das
Faksimile hersetze, ist richtig.
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