Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 2.1890/​91

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Das Lessingdenkmal in Berlin.

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zu machen, wie sie dergleichen in weit reicherem
Maße, in Summen von Hunderfctausenden den Städten
Hannover, Münster, Düsseldorf u. s. w. gemacht hat,
besteht die Regierung, bez. das Konsistorium kon-
sequent auf seinem Schein und behält das von der
Stadt doch in gutem Glauben erworbene, gegen die
bereitliegende Summe für erworben gehaltene Areal
zurück, um es irgendwie zu sehr prosaischen Zwecken
auszuschlachten. Anfangs sollten da Wohnungen
für Konsistorialräte erbaut werden, aber die weigerten
sich, in ein solches polizeiwidriges, weil eines jeden
Hofraumes entbehrendes Haus zu ziehen; dann plante
man ein Boardinghouse für Lehrer und Seminaristen •
endlich hat man sich für eine Bureaukaserne ent-
schieden, die Zeichnungen unsäglich nüchterner Art
sind fertig und am 1. April soll bereits das Dach
gerichtet sein, das die Südfront des Doms auf eine
für die Lebenden unabsehbare Zeit verschimpfirt.
Auch in einem solchen Dienstgebäude müssen ge-
wisse Anstalten vorhanden sein und für die Boten
und Kastellane Wohnungen mit Küchen und Wasch-
häusern. Nach den reizenden Parkanlagen hinaus
wird man die nicht anordnen, aber nach innen,
mitten hinein in die tausendjährigen Säulenhallen
des Kreuzganges und die Grabsteine der Domherren.
Ds ist eine empörende Aussicht, die sich da eröffnet.

Zugestanden muss werden, dass die Staatsbe-
hörden in energischerem Widerstände gegen diese
Maßnahmen irritirt worden sind durch gewisse Re-
solutionen und Petitionen von allerhand Unionen
und Unionskoalitionen. Statt mit dem leicht Er-
reichbaren sich zu bescheiden, verlangten diese
Herren einen großartigen Kunstpalast. Um sie zu
beruhigen, hat man bereits zum zweiten Male zu Mu-
seumszwecken eine Summe von 500 000 Mark in die
Posten der städtischen Anleihen eingereiht, aber es
ist ein öffentliches Geheimnis, dass das nur ein
Ornament in der Anleihebegründung ist und dass ein
solches Museum nie gebaut werden wird, schon aus
dem Grunde, weil von Werken der hohen Kunst
nichts am Orte vorhanden ist und deren Beschaffung
noch manche weitere halbe Million erfordern würde,
welche die in die Durchführung ganz heterogener
kommunaler Aufgaben verstrickte Stadt nicht
übrig hat.

Noch ist es Zeit, den schönen Magdeburger Dom
vor langer Verunzierung zu bewahren, wenn alle
Vereine und Organe für Geschichte und Kunst ihre
gewichtigen Stimmen erheben zu allgemeinem Protest
wider die Pläne des magdeburgischen Konsistoriums.
Dringend wird darum gebeten! Möchte dieser Not-

schrei überall abgedruckt werden und überall Zu-
stimmung und Unterstützung finden!

Tilly hat ihn vor 259 Jahren geschont, heutzutage
soll ein lutherisches Konsistorium den Dom von Magde-
burg respektiren! L. C.

DAS LESSINGDENKMAL IN BERLIN.

Als die Konkurrenzentwürfe für ein in Berlin
zu errichtendes Lessingdenkmal im Dezember 1886
zur Ausstellung gelangten und bald darauf die Ent-
scheidung zu Gunsten des Bildhauers Otto Lessing,
eines Urgroßneffen des Dichters, fiel, war die Frage
der Polychromie in der Plastik eben in Fluss ge-
raten. Man verstand damals im Sinne desjenigen,
der zuerst den Feuerbrand in das weiße Stillleben
der Gipsmodelle und Marmorbildwerke geworfen,
unter Polychromie der Plastik bunt bemalte Statuen,
und mit einer bemalten Figur in einen öffentlichen
Wettbewerb um ein monumentales Standbild einzu-
treten, dazu hatte damals noch niemand den Mut.
Der malerisch gedachten und ausgeführten Entwürfe
gab es trotzdem genug, und dass sich unter ihnen
der später zur Ausführung bestimmte Otto Lessings
nicht befand, wurde ihm von vielen Seiten zum Lobe
angerechnet. Auch ich schrieb an dieser Stelle (Kunst-
chronik XXII, Nr. 13), „dass seine Lessingfigur in
Bezug auf die plastische Haltung den Ansprüchen
an monumentale Wirkung mehr genügt, als jede der
anderen fünfundzwanzig .... Jeder malerische Zug
ist fast ängstlich vermieden, und der ganze Schwer-
punkt auf die Charakteristik des Kopfes gelegt, die
lebensvolle Wahrheit mit geistreicher Feinheit ver-
bindet. Demgemäß ist auch der Sockel ganz schlicht
behandelt, nur an drei Seiten mit den in Nischen
befindlichen Büsten von Nicolai, Ew. Chr. v. Kleist
und Mendelssohn geschmückt."

Seit der Erteilung des Auftrags bis zu der am
14. Oktober v. J. erfolgten Enthüllung des Denkmals
hat sich aber das Blatt gewendet, man möchte bei-
nahe sagen: ein ganzes Blatt der Kunstgeschichte,
wenn das angelegte Zeitmaß nicht zu gering wfire.
Was in diesen vier Jahren an dem ursprünglichen
Entwürfe geändert, was ihm zugesetzt worden ist,
von wem und auf wessen Veranlassung — das ist
dem der Sache fern stehenden Publikum verborgen
geblieben und entzieht sich für den Unbeteiligten
auch der Feststellung im einzelnen. Es war Saohe
des Komitees, es wurde gewissermaßen als eine
Familienangelegenheit behandelt, die die öffentlich"
keit wenig oder gar nichts anging, und nun das
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