Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 2.1890/​91

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Die Spitznersche Sammlung Altmeißener Porzellane.

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Meister Passini ist dreifach vertreten. Von italieni-
schen Meistern sehen wir hier kleinere oder größere
Werke von A. dall 'Oca Bianca, Pio Joris, Markts de
Maria, L. Nono, E. Tito, Tiratelli, Vannutelli und
Zezzos — von einigen auch zwei Bilder. Es ist hoch-
interessant, wie die Italiener ebenso wie die Spanier
alle Nachahmung der Fraczosen verschmähen. Da
sind sie als Neuitaliener, aus der Gegenwart heraus-
schaffend in deren Geist, alle tüchtig, oft fein, vir-
tuos und liebenswürdig. Großes, Leidenschaftliches
ist nicht zu sehen, damit aber auch kein falsches,
theatralisches Pathos, das Italien vor seiner Neu-
belebung nicht bloß in der Musik schließlich ernie-
drigte. Die koloristische Wiedergabe Rembrandtischer
Radirung in ihrer besonderen Virtuosität und Auf-
fälligkeit für einen Italiener sei in de Maria's „parva
domus, magna quies" besonders hervorgehoben; den
romantischen Stil zeigt sinnig und edel Vannutelli's
vielfiguriges Bild „Begräbnis Julias in Verona".
Segantini's Breite der Malerei — wenn wir denselben
hierher rechnen — möge ihn nicht verführen, ans
Leere zu streifen.

Und nun die Spanier, aus deren Künstlerschar
hier Jose Benlliure y Gil, Jose Villegas, Ric. Villegas-
Cordero und Barbudo mit ihren Farbenwerken leuch-
ten! Es ist künstlerisch eine erneute Nation. Einst
waren sie koloristisch bestimmt durch die Forderung
der Askese in ihren religiösen Bildern, dann kam
Südens Licht und Schatten bei ihren großen Meistern
hinzu. Jetzt haben sie in die Blumengärten ihrer
Früblingsnatur gegriffen und gehen in die Farben
hinein, dass einem manchmal die Augen übergehen.
Und zur Farbe und koloristischen Meisterschaft
haben ihre Häuptlinge eine Schärfe und Kraft der
Charakteristik, dass sie darin niemandem weichen.
So besonders in den Gestalten der Männer in
Benlliure's großem, wunderbar gemaltem „Marienfest";
trefflichst ist sein feines Bildchen „Soldaten." Villegas
in dem Aquarell „In der Kirche" und dem Haupt-
bild „Die Cuadrilla nimmt Abschied von ihrem im
Stierkampf gefallenen Meister" giebt eine Charakte-
ristik der betreffenden Kreise, von . Picaderos und
Chulos, und Polizisten und dem Geistlichen und der
Geliebten in dem lebenswahren Gegensatz von Tod
und Schmerz, von Erregung und Dummheit und
brutaler und stumpfsinniger Hinnahme, die an Schärfe
und Originalität ihresgleichen sucht und uns diese
Stierkämpfergesellschaft und die spanische Volks-
schichte, der sie angehört, in einer Weise kennen
lehrt, die wir in hundert Beschreibungen nicht ge-
funden haben. (Fortsetzung folgt.)

DIE SPITZNERSCHE SAMMLUNG ALT-
MEISSENER PORZELLANE.

Von W. von Seidlitz.
(Schluss.)

Die Übergangsperiode von 1763 bis 1774, die
man wegen des Punktes, der in dieser Zeit zwischen
den Schwertgriffen der Marke angebracht wurde, die
Punktzeit nennen kann, führte noch einige bezeich-
nende Neuerungen ein, wie die Bemalung mit soge-
nanntem Wiener Gold und die Verwendung einfar-
biger, z. B. grüner, brauner Blumenmalerei, war
auch besonders rührig in geschäftlicher Beziehung,
indem Künstler zum Studiren nach auswärtigen
Fabriken, Agenten zur Anknüpfung neuer Handels-
beziehungen an alle Hauptorte Europas entsendet
wurden; die Technik behauptete die alte Höhe; der
schöpferische Geist aber begann zu erlahmen, wie
die Versuche zeigen, durch Kupferstiche und Ge-
mälde „einen richtigeren und bessern Geschmack als
den bisherigen einzuführen", da (nach der Ansicht
Dietrichs,, des damaligen künstlerischen Leiters der
Manufaktur) bisher „lediglich nach modernen Phan-
tasien gearbeitet und das wahre Schöne und Antike
außer acht gelassen" worden war.

Die Marcolini-Periodc (1774—1814), so benannt
nach dem damaligen Leiter der Manufaktur, dem
Grafen Camillo Marcolini, bekundete denn auch gleich
in ihrem Anfange, im Jahre 1776, durch die Herab-
setzung aller Gehälter und Stücklöhne den inzwischen
eingetretenen Verfall. Aber so öde und erstarrt
auch der neue Geschmack, ein durch die pompeja-
nischen Ausgrabungen hervorgerufenes verzerrtes
Römertum, sich erwies: er war doch mit seiner Vor-
liebe für die weiße Farbe, für die steifen gerad-
linigen Formen, für die Magerkeit der Zeichnung
und die Härte der Färbung ein wirklicher Ausfluss
der nun einmal auf Stelzen gehenden Zeit, ein
Spiegelbild der aus aller Verlotterung nach Kraft
und Verjüngung strebenden Periode Ludwigs des XVI.,
daher denn die bis heute fortgesetzte Wertschätzung
der Erzeugnisse dieser Periode eine sehr erklärliche
ist. Auch fehlte nicht das mildernde Element, das
in der noch immer als Unterströmung fortbestehen-
den Rokokoauffassung seinen Grund hatte.

Manche neue Verzierungsweisen führte diese
Zeit ein: so das leichte gebrannte Kobaltblau, das
in Verbindung mit Gold auf dem Blumen- und
Fruchtservice der königlichen Hofhaltung, von 1777,
als Randeinfassung seine Verwendung fand und
auch auf einem Teller der Spitznerschen Sammlung
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