Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 2.1890/​91

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HERAUSGEBER:

UND

CARL VON LUTZOW

WIEN
Heugasse öS.

ARTHUR PABST

KÖLN

Kaiser-Wilhelmsring 24.

Verlas von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. II. Jahrgang.

1890/91.

Nr. 23. 23. April.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Ver-
lagshaudlung die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

EIN NEUER RUISDAEL IM BERLINER

MUSEUM.

Eine große Landschaft von Jakob van Ruisdael
aus der reifsten Zeit seines Schaffens ist kürzlich
von Geheimrat Dr. W. Bode in London, wo sie sich
im Kunsthandel befand, für die Gemäldegalerie des
Berliner Museums angekauft worden. Obwohl die
Berliner Galerie zwölf Bilder Jakobs besitzt, war
darunter diejenigeRichtung der Kunst des Meisters nicht
vertreten, für die das neuerworbene vortrefflich erhaltene
Bild ein überaus charakteristisches Beispiel darbietet.
Es gehört jener Gruppe großartiger poesievoller Kom-
positionen an, zu denen der Künstler die Motive und
Einzelstudien in der wald- und wasserreichen Um-
gebung des Schlosses Bentheim (im Kreise Osna-
brück, nicht weit von der holländischen Grenze) ge-
sammelt hat. Im Mittelgrunde ein Fluss, der über
seine Ufer getreten ist und den Rand eines Laub-
waldes überschwemmt hat, der die größere Hälfte
des Bildes einnimmt. Im Vordergrunde ein teil-
weise von blühenden Sumpfpflanzen bedecktes, ste-
hendes Wasser, auf dessen glatte Fläche sich der
entlaubte, halb entwurzelte Stamm einer mächtigen
Buche herabneigt. Buchen, Eichen und Weiden, die
mit einer bei Ruisdael nicht gewöhnlichen Schärfe
der Individualisirung durchgeführt sind, bilden den
Hauptbestand des Waldes, aus dem ganz links ein
Hirt mit Schafen heraustritt. Nach der rechten
Seite gewinnt man einen Blick auf den Fluss und
auf waldige Höhen im Hintergrunde, die noch im
Morgennebel schwimmen. Der lichtblaue Himmel
ist, wie auf vielen Landschaften Ruisdaels, mit weiß-
lich-grauen Wolken gesprenkelt. Die koloristische

Behandlung, die bei aller Sorgfalt in der Detaüli-
rung doch auf eine kräftige, einheitliche Gesamt-
wirkung ausgeht und sie auch in vollem Maße er-
reicht, weist das Bild etwa in die Zeit um 1660.
Es mag bald nach der Übersiedlung Ruisdaels von
Haarlem nach Amsterdam entstanden sein, also
früher als die im Motiv und in der Komposition ver-
wandten Bilder: „Die Jagd" in der Dresdener Galerie
und _Der Sumpf" in der Petersburger Ermitage.
Mit der Dresdener „Jagd" stimmt es. auch in den
Größenverhältnissen (4' 8" breit und 3' 9" hoch) un-
gefähr überein. Für die frühere Entstehungszeit des
Berliner Bildes spricht u. a. die grössere Stärke und
; Frische der poetischen Empfindung, die sich noch
völlig naiv, frei von jeder Absicht giebt. Auch ist
die Staffage nicht, wie zumeist auf den späteren
Landschaften des Meisters, von fremden Händen,
sondern offenbar noch von Ruisdael selbst gemalt,
der sich mit Figuren nicht geschickt abzufinden
wusste. Er scheint also zur Zeit, als dieses Gemälde
entstand, mit Amsterdamer Figurenmalern noch
nicht in Verbindung getreten zu sein.

Das Bild ist in der Kunstlitteratur mehrfach
erwähnt worden. Smith führt es in seinem Ver-
zeichnis unter Nr. 313 auf, und 1857 erschien es
auf der Ausstellung von Gemälden alter Meister in
Manchester, die in der Geschichte der modernen
Kunstausstellungen eine grundlegende Bedeutung
gewonnen hat. Ihren klassischen Niederschlag in
der Kunstlitteratur hat diese Ausstellung in den
Tresors d'art en Angleterre von W. Bürger (1. Aufl.
Paris 1857; 2. Aufl. Brüssel 1862) gefunden, der von
der Ruisdaelschen Landschaft, die damals einem
Herrn W. Wells gehörte, schrieb, dass es nirgendwo
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