Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 2.1890/​91

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Die internationale Kunstausstellung in Berlin.

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In seiner Kleidung war er mehr als einfach, er
konnte sich nicht vorstellen, dass man ein durch-
löchertes Plaid auch aus anderen Gründen, als wenn
es nicht mehr warm genug hält, wechseln könnt«.
Jahrelang hat scheinhar nur der nimmer ruhende
Geist noch den schwächlichen Körper zusammen-
gehalten. Öfters kam es damals schon vor, dass er
vor Schwäche das Bett nicht verlassen konnte, aber
selbst, wenn ich ihn bei meinem Besuch so fand,
wollte er von der Betrachtung der Kunstblätter nicht
absehen und nahm vom Bett aus an der gewöhn-
lichen Beschäftigung des Abends teil.

Schon die frühere Verbindung seiner Familie
mit dem kaiserlichen Hof brachte es mit sich, dass
er seine staatliche Zugehörigkeit zu Russland nicht
vergaß, aber von Nationalität fühlte er sich ganz
als Deutscher, wie seine Bildung auch auf deutscher
Grundlage beruhte. Er nahm bis ins höchste Alter
den regsten Anteil an der Politik und betrachtete
auch hierin Deutschland immer als sein eigentliches
Vaterland, ein durch und durch kerndeutscher Manu,
wie sie die deutsch-russischen Ostseeprovinzen so
zalilreich und kraftvoll hervorgebracht haben. In
den Jahren, in welchen ich ihn kannte, stand er auf
einem edlen protestantischen Glaubenspunkte. In
der Kunstwissenschaft war er ein Eiferer, wie das
bei wahrer Forschung leicht erklärlich ist. Er liebte
es, sich in polternder Weise über anders Denkende
auszulassen, aber das war nur oberflächlicher Schein,
in der Brust trug er ein warmes und mildes Herz.
Er bat die Kunstgeschichte wesentlich von ihrer
künstlerischen Seile aufgefasst und der historischen
Forschung ihre Aufgabe dahin bestimmt, diese Be-
trachtung zu klären und zu erläutern. Er selbst
War mit den Materialien zur italienischen Kunst-
geschichte in bewunderungswürdiger Weise vertraut
und wusste bei jeder Unterhaltung entlegene Daten
anzuführen,

Vieles von seinen Kenntnissen ruh! in handschrift-
lichen Anmerkungen ZU seinen Exemplaren kunst-
gesohiohtlioher Bücher und auf der Rückseite von
Photographien. Es sind kurze, zum Verständnis
Sachkenntnis erfordernde Notizen, deren Entzifferung
wegen der kritzeligen Züge seiner Hand neben den j
Fähigkeiten eines Kunstgelehrten die eines Palao-
graphen erfordern dürfte. In Bezup; auf die nieder-
landische und deutsche Kunst war er vorzu^'
feinfühliger Kenner. Auch bei der Bestimmung

italienischer Werke ließ er sich in erster Linie von
seinem überaus sicheren Stilgefühl leiten, und zalil-
feiche Gelehrte und Kunstfreunde haben in dieser

Beziehung unschätzbare Fingerzeige von ihm er-
halten. Dieser feinsinnige Genuss der Kunst war es,
wodurch vor allem er anregend wirkte. Wer ihn
näher kannte, fand es ganz natürlich, dass dieser
Mann nicht produzirte, danach war sein ganzes Ver-
hältnis zur Wissenschaft nicht angethan. Es ge-
nügte ihm, seine historischen Forschungen in der
angegebenen Weise für sich selbst den Genuss er-
höhen und richtig stellen zu lassen. Das beste Re-
sultat der Kunstgeschichte, die Veredelung des Ge-
nusses an einer Jahrhunderte zurückliegenden Geistes-
und Phantasiearbeit, kann am fruchtbarsten durch
persönlichen Verkehr fortgeflanzt werden, darum ist
Lipharts Wirken, trotzdem er mit keiner Schrift an
die Öffentlichkeit getreten ist, von unschätzbarer
Bedeutung gewesen, zumal der Kreis derjenigen,
welche Anregung von ihm empfangen haben, ein
sehr großer ist, sein Geist lebt in Generationen fort.

Nach dem Tode seines älteren Bruders, in den
sedis letzten Jahren seines Lebens, war Liphart
Majoratsherr. Seine Sammlungen sind auf das Ma-
jorat übernommen worden und werden im Besitz
seines Enkels und Majoratserben in Rathshof Auf-
stellung finden.

Im letzten Sommer noch hat Liphart eine der
Kunst gewidmete Reise nach Venedig ausgeführt
«nd den Winter in alter Weise studirend in Florenz
verbracht, bis zuletzt seine ausgezeichnete Sehschärfe
behaltend, für ihn das köstlichste Gut. Ohne merk-
bare Krankheit sind Liphart und seine Gattin fast
gleichzeitig dahingeschieden. Der 12. und der
14. Februar haben erst sie und dann ihn sanft hin-
weggenommen.

Düsseldorf.

MAX GEORG Z1MMERMA NN.

DIE INTERNATIONALE
KUNSTAUSSTELLUNG IN BERLIN.

III.
Mit dem Eintreffen der Sendungen aus der öster-
reichischen Monarchie, ausschließlich Ungarns deren
von feinem künstlerischen Geschmack geleitete An-
ordnung in einem großen Oberlichtsaale, zwei an-
stoßenden Kabinetten, einem Seitenlichtsaale und
drei ihm gegenüberliegenden Kompartimenten in den
ersten Junitagen vollendet wurde, ist der Schluss-
stein in das glänzende Gebäude unserer internatio-
nalen Ausstellung eingefügt worden, ein Schluss-
stein nicht mit Ach und Krach, sondern eine der
würdigsten und vornehmsten Zierden des ganzen
Baues, die den Kunstfreunden, die nicht Gelegenheit
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