Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 2.1890/​91

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Die internationale Kunstausstellung in Berlin.

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DIE INTERNATIONALE

KUNSTAUSSTELLUNG IN BERLIN.

Es ist in unserer ausstellungs wütigen Zeit gewiss
eine bemerkenswerte Erscheinung, dass die Haupt-
stadt des deutschen Reiches, der Mittel- und Angel-
punkt der europäischen Politik, zum ersten Male
der Schauplatz einer internationalen Kunstausstel-
lung geworden ist. Wohl hatte man es 1886 an
Bemühungen nicht fehlen lassen, der Jubiläumsaus-
stellung der Akademie ein internationales Gewand
umzuhängen. Aber was damals erreicht worden ist,
verhält sich zu dem jetzt Gelungenen wie der
Schatten zum Licht. Auch in diesem Jahre handelt
es sich um eine Jubelfeier, um eine festliche Ver-
anstaltung zur Erinnerung an die am 19. Mai 1841
erfolgte Begründung des „Vereins Berliner Künstler".
Aber über diese lokale Veranlassung ist das Unter-
nehmen so schnell hinausgewachsen, dass der Ge-
denktag des „Voreins Berliner Künstler" und die
von ihm veranstalteten Feste nur eine Nebenrolle
im Verlaufe der Ausstellung spielen können. Die
Thatkraft und das Selbstbewusstsein einer freien
Korporation, die der neue preußische Kultusminister
Graf v. Zedlitz-Trützschler in seiner Rede beim
Festmahl am 1. Mai mit warmen Worten pries,
haben hier in der That einen glänzenden Sieg er-
rungen, freilich unterstützt durch das Ansehen des
deutschen Reiches, das trotz der Erschütterungen
der letzten Jahre, trotz aller Wirren und Irrnisse
im Auslande noch nicht einen Schimmer verloren
]iat, — weder an Liebe, noch an Hass und Abnei-
gung. Eher hat es an Liebe gewonnen, dank den
unablässigen Bemühungen des jugendkräftigen Kai-
sers, der durch sein gewinnendes Auftreten, die
Hochherzigkeit seiner Gesinnung und seinen frei-
mütigen Charakter viele Vorurteile vom Nordkap
bis zum Goldenen Hörn überwunden hat

Vom Nordkap bis zum Goldenen Hörn! Das ist
auch die Linie, die wir auf der ersten internationalen
Kunstausstellung von Norden nach Süden verfolgen
können. Die Norweger zwar, die ihre Staffeleien
bis an die äußerste Spitze ihrer wogenumbrandeten
Küste tragen, sind uns längst vertraute Erscheinungen.
Aber türkische Maler gehören selbst in einer Welt-
stadt wie Berlin zu den Seltenheiten. Wie man das
strenge Verbot der Korans in Bezug auf mensch-
liches Bildnis und Gleichnis mit geschickter Dialek-
tik zu Gunsten der Photographie umgangen hat, so

scheint man neuerdings auch den wirklichen Malern,
den Nachahmern der Natur, nicht mehr mit einer
Sure des Korans zu Leibe zu gehen. Schon vor
vier Jahren haben wir eine Probe der malerischen
Fertigkeit Hamdy Bey's, des Direktors der kaiser-
lichen Museen in Konstantinopel, gesehen, und in
diesem Jahre hat er uns zwei seiner äußerst sorg-
sam, etwa in der Art von Gerörne und Wereschagin
durchgeführten, nur im Kolorit etwas stumpferen
Bilder geschickt, ein türkisches Interieur und eine
Vorlesung aus dem Koran, die einen Platz im in-
ternationalen Saal des Hauptgebäudes erhalten hat.
Ungünstiger gestaltet sich das Gesamtbild
unserer Kunstausstellung, wenn wir die Linie von
Osten nach Westen ins Auge fassen. Hier fehlen
die äußersten Pole, Frankreich und Russland, worin
sich zugleich die gegenwärtige politische Konstel-
lation widerspiegelt. Indessen hat Russland
wenigstens nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern
seine Einsendungen nur bis zum 1. Juni hinaus-
geschoben. Dass es sich dabei auch nicht etwa
um eine Kundgebung des Slaventums gegen den
germanischen Geist handelt, beweist die That-
sache, dass sich polnische und böhmische Künstler
sehr zahlreich und noch dazu mit Werken beteiligt
haben, die uns sehr eindringlich und überzeugend
vor Augen führen, dass insbesondere der polnische
Kunstgeist nach langem Siechtum, nachdem man
ihn schon für tot gehalten, zu einem Leben von
urwüchsiger Kraft erwacht ist, eine Erscheinung,
die in der neueren belletristischen Litteratur pol-
nischer Zunge ihre Parallele findet. Wir denken
dabei nicht an die beiden ersten Sterne polnischer
Kunst, an Jan Malcjko, der mit vier Geschichts-
bildern und einem Bildnis vertreten ist, und an
Seren von Skmiradxki, der in Rom seine natio-
nalen Eigentümlichkeiten fast abgestreift hat. Außer
den zehn von diesen Koryphäen ausgestellten Bildern
hat die polnische Abteilung, soweit der zur Zeit noch
sehr unvollständige und überaus nachlässig redigirte
Katalog Auskunft giebt, noch 143 Gemälde, Aqua-
relle, Pastelle, plastische Kunstwerke, Holzschnitte
und Radirungeu aufzuweisen, die sich auf etwa sechs-
undsiebzig Künstler verteilen. Das ist eine Zahl, die
noch auf keiner fremden Ausstellung beisammen ge-
wesen ist.

Bei einer so starken Beteiligung von Nationen,
die uns Deutschen aus politischen und anderen
Gründen nicht übermäßig freundlich gesinnt sind, ist
das eigensinnige Fernbleiben der Franzosen mehr in
ihrem als in unserem Interesse zu bedauern. Im


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