Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 2.1890/​91

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Konkurrenzen. — Vermischte Nachrichten. — Auktionen.

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das Zwischenglied zwischen den altägyptisch-phönizischen
und altgriechischen Kulturstufen darstellt. Im Treppenhause
des Museums werden die kolossalen Löwen errichtet, welche.
man vor dem inneren Thore der Hügelstadt in Sendschirli
gefunden hat; drei von ihnen sind nach Berlin gewandert,
während die beiden andern nach Konstantinopel abgegeben
werden mussten. Diese Skulpturen sind äußerst charakte-
ristisch für die Kunst des fraglichen Volkes. Sie haben fast
gar keine Ähnlichkeit mit den assyrischen Löwenmotiven;
zudem sind sie nicht in Relief, sondern vollplastisch gehalten.
Sehr realistisch ist der Kopf mit dem geöffneten Rachen ge-
staltet, aus dem eine gewaltige Zahnreihe hervorragt; Inschriften
finden sich bei diesen Skulpturen nicht. Ein zweites wich-
tiges, in Berlin aufgestelltes Stück ist ein Standbild mit
Kopf, dessen Charakterisirung an die altägyptischen Sphinx-
köpfe erinnert: der Rumpf ist mit einer Inschrift von alt-
aramäischen Schriftzeichen bedeckt, deren Entzifferung noch
nicht in Angriff genommen ist. Ferner sind einige hundert
Kleinfunde auf einer Tafel ausgelegt. Unter ihnen befinden
sich schöne Erzeugnisse des Kunsthandwerks, Gebrauchs-
und Luxusgegenstände, Waffen, Geschirre u. v. a. Wohl zu
einer größeren Skulptur hat der lebensgroße Kopf eines
Pferdes mit Zaumzeug gehört. Er macht in seinem lang- '
gestreckten, ramsnasigen Charakter auf den ersten Blick
den Eindruck eines Kamelkopfes, doch belehrt uns der Ver-
gleich mit einer Bronzearbeit, welche ebenfalls einen Pferde-
kopf bis an den "Widerrist darstellt, von der Unrichtigkeit der
Annahme. Das letztere Stück ist eine geradezu bewunderns-
werte Arbeit; es hat wahrscheinlich als Handstück für die
Lehne eines Stuhles gedient. Wir finden an Bronzegegen-
ständen ferner ein gut erhaltenes, ziemlich schmuckloses
Schwert, mehrere Messer, Sicheln und Petschafte. Auch
Feuersteinwaffen und Äxte sind in großer Auswahl vorhanden.
Mehrere Thongefässe zeigen Bemalungen, deren Ornamentik
an die trojanische erinnert. Es dürften Importstücke sein.
Die kleineren urnenförmigen Gefäße mögen Toiletten-, Sal-
ben- und Schmuckzwecken gedient haben. Sehr bezeichnend
sind zwei Frösche aus gebranntem Thon, deren Bestimmung
noch dunkel erscheint. Unter den Schmuckgegenständen
treffen wir geschmackvolle Nadeln und Schnallen mit zier-
licher Ornamentik. Zu den Überraschungen gehören einige
Fragmente von Glasgefässen, opalisirend wie das altgrie-
chische Glas, aber von seltener Reinheit. Mehrere Gewichte
zeichnen sich durch ihre merkwürdigen Formen aus. Auch
Bernsteinschmuck haben die Bewohner von Sendschirli ge-
kannt. Kinderspielzeug aus gebranntem Thon stellt Tiere
und Puppen dar.

KONKURRENZEN.

»% Für die Firstgruppen des Albertimtms in Dresden
war ein Wettbewerb ausgeschrieben worden, der jetzt, wie
wir dem „Dresdener Journal" entnehmen, nach dem Vor-
schlage des Preisgerichts durch die Generaldirektion der
königl. Sammlungen für Kunst und Wissenschaft folgender-
maßen entschieden worden ist. Für die Gruppe der Kunst
erhielten den I. Preis die Herren Rudolph Wölbe und Robert
Oekelmann; den IL Preis Herr Friedrieh Offamtann. Für
die Gruppe des Herrscherruhms den I. Preis Herr Richard
König; den H. Preis die Herren R. Wölbe und R. Ockelmamm.
Für die Gruppe der Saxonia den I. Preis die Herren ß. Hölbe
und R. Oekelmann; den II. Preis Herr Bruno Fiselter.

VERMISCHTE NACHRICHTEN.

t. Professor Wilhelm Sohn in Düsseldorf hat kürzlich
das lebensgroße Bildnis einer Dame vollendet. Die junge

Dame, eine heroische Erscheinung, steht in einem Park am
Fuß einer Marmortreppe, in den Händen hält sie einen
grünen Kranz, der Blick des sicher erhobenen Hauptes ist
hinaus gerichtet. Die poesievolle, feinsinnige Stimmung hei-
terer Farben, in welcher neben der seelischen Vertiefung
Sohns Bedeutung beruht, findet sich auch in diesem Knie-
stück, der Ton des weißen Atlaskleides ist durch den da-
neben stehenden kaltweißen Marmorpfeiler warm herausge-
hoben. Sohns Wirksamkeit nach außen ist in der letzten
Zeit fast nur noch eine persönliche durch seine aufopfernde
Lehrthätigkeit, welche beständig zahlreiche Schüler und
Schülerinnen bildet. Um so mehr ist es zu bedauern, dass
dieses Bild nicht zur Ausstellung gekommen, sondern so-
gleich in den Besitz der Familie der Dargestellten überge-
gangen ist.

L. Karlsruhe, 15. Juni. Das Kunstereignis bei uns ist,
neben der Feuerbachausstellung, die Enthüllung der von
Heinrich Weltring ausgeführten und in Lauchhammer in
Bronze gegossene Nymphengruppe. Zwei Nymphen sind am
Wasser auf Felsen gelagert, während eine dritte, stehende
die Spitze der pyramidal aufgebauten Gruppe bildet, und
eine Anzahl nackter Kinder in mutwilligem Spiel sich tum-
melt. Die feine Schönheit der weiblichen Gestalten, die An-
mut der Kinder, der Ausdruck jungfräulicher Unschuld und
naiver Lebensfreude, endlich die meisterhafte Komposi-
tion, die von allen Seiten sich in harmonisch geschwungenen
Linien aufbaut, verleihen diesem Werke eines noch jungen,
wenig bekannten Künstlers hohen Wert. Die Aufstellung
auf einer Felsgruppe mitten im Teich des Erbprinzengartens
vollendet den reizvollen Eindruck des Ganzen. Die Gruppe
ist das Geschenk eines patriotischen und kunstsinnigen Bür-
gers, des Heren Lorenz. Wir haben auf dem Gebiete der
Idealplastik in Deutschland seit langer Zeit nichts so Vor-
zügliches gesehen.

*„* Zum Bau des vierten Turmes am Dome KU Naum-
bürg hat der deutsche Kaiser, wie die „Kreuzzeitung" mel-
det, aus seiner Privatschatulle 200 (XX) M. bewilligt.

H. A. L. Seit Mitte April hat der durch eine perma-
nente Ausstellung im Breslauer Museum der bildenden
Künste vorteilhafte bekannte Kunsthändler Th. Lichtenberg
in Dresden auf der Ferdinandstraße neben den Räumen der
Philharmonie eine Filiale seines Breslauer Geschäftes er-
öffnet, von der man nur wünschen kann, dass durch sie das
Geschäft mit Bildern in Dresden neu belebt werden möge.
Die gegenwärtig ausgestellten Kunstwerke entsprechen durch-
weg den Anforderungen, die man heutzutage in technischer
Hinsicht zu machen gewöhnt ist, und es schadet nichts, dass
darunter einige Nummern sich befinden, die wie llrinrifh
Sientirädski's Gemälde: „Die Vase oder das Mädchen" schon
seit langer Zeit den Kunstfreunden bekannt sind Ein Vor-
zug der neuen Dresdener Kunsthall«' ist ihre leidlich«' I'""
leuchtung, die so gut ist, als man sie in den engen Geschäft8'
Straßen der Altstadt überhaupt haben kann.

AUKTIONEN.

© Die Versteigerung der Sammlung des Verlagsbu<*l~
händkrs Buchner in Bamberg, die vom 4. bis 10. Juni ""
Lepkeschen Kunstauktionshause in Berlin stattfand, hat ins-
gesamt 197146 M. ergeben. Den höchsten Preis — 25000 » •

— erzielte der 1726 von dem Main/..']- Schrei.....: Ludwig

Rhode angefertigte Zierschrank, Nr. 1; derselbe ist. wie n»*™
hört, nebst einigen anderen besonders hochgetriebenen Stüc t
zurückgekauft. Im allgemeinen hat der Erfolg wohl
Erwartungen der Verkäufer nicht entsprochen; es sind 61
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