Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 28.1917

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KUNSTGEWERBEBLATT

NEUE FOLGE (SM 9-16/17 IS 2 8- JAHRGANG

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WANNSEEBAHN

BERLIN-ZEHLENDORF-
TELEPHON: ZEHLENDORF 522

VLKLAU. HOSPITALSTR.

A. SEEMANN IN LEIPZIG,
1 a • TEL. 244

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NOVEMBER

VEREINSORGAN ™$BSS

BERLIN, DRESDEN, DÜSSELDORF, ELBERFELD,
FRANKFURT A. M., HAMBURG, HANNOVER, KARLS-
RUHE!. B., KÖNIGSBERG I. PREUSSEN, LEIPZIG,
MAGDEBURG, PFORZHEIM UND STUTTGART ssaa

REISESTUDIEN

II. MUSEEN UND BIBLIOTHEKEN IN AMERIKA

MEIN erster Gang in New York galt dem Kunst-
museum, dem Metropolitan Museum of Art.
Ich begann mit dem Anfang, dem ältesten
Ägypten. Ein schlichter, geräumiger Saal von besten
Verhältnissen, die Decke weiß, die Wände ein stumpfes
Blau, die schlanken, dunklen Schränke locker verteilt;
in ihnen auf lichten Gestellen wenige, sorgfältigst ge-
wählte Meisterstücke; unter den Fenstern auf großen
Glasscheiben schöne Aufnahmen der Fundstätten und
Grabungen; das Ganze ein Muster zugleich lehrreicher
und geschmackvoller Aufmachung, wie auch wir sie
besser nicht wünschen könnten.

Ich gestehe, daß ich auf einen ersten Eindruck
dieser Art nicht vorbereitet war. Wieviel Amerika
an wertvollem Besitz in seinen Museen aufspeichert,
erfahren wir ja leider täglich zum eigensten Verdruß.
Auch über die Gesinnung und die Einrichtungen
der amerikanischen Museen hatte ich mich seit Jahren
durch ihren erfahrenen Anwalt, den verdienten A. B.
Meyer, zu unterrichten gesucht. Allein es war mir
neu, die Museumstechnik schon zur Museumskunst
gereift zu sehen, Maßstäbe zu finden, die der behende,
ehrgeizige Amerikaner nicht lange ungenutzt lassen
und bald ins Große umsetzen wird. Diese Erfahrung
der ersten Stunde ist mir zur heilsamen Mahnung
geworden für meine weiteren Studien.

Man wird den amerikanischen Museen wie allen
Äußerungen des dortigen Lebens nicht gerecht, wenn
man sie nur an Europa mißt. Es ist ja alles so jung
und deshalb unfertig, unausgeglichen, zufällig. Der
Kunstbesitz zählt im großen und ganzen kaum zwei
Menschenalter: keine Kirchen,Rathäuser,Kunstkammern,
Galerien wie die, in denen einst unsere Bürger und
Fürsten für sich und ihresgleichen Kunstwerke gesammelt
haben, die Grundlagen unserer Museen. Auch keine
planmäßigen wissenschaftlichen Bestände, wie sie in
Europa im 19. Jahrhundert die Gelehrten von Amts
wegen haben aufbauen dürfen. Überhaupt noch kaum
eine nennenswerte öffentliche Kunstpflege, sondern
fast aller Zuwachs auf die persönliche Teilnahme und
die freiwilligen Mittel einzelner Bürger gestellt. Kein
Wunder, daß die amerikanischen Museen die Spuren

Kunstgewerbeblatt. N. F. XXVIII. H. 2.

dieses Ursprungs an sich tragen, zum Unsegen und
zum Segen. Aus solcher Vergangenheit schreiben
sich die dilettantischen Neigungen her, die manche
Anstalten noch heute nicht überwunden haben; aus
ihr aber auch die weitausgreifende Wirksamkeit und
Volkstümlichkeit, diese beneidenswerten Bürgschaften
für die Gegenwart und die Zukunft.

Die Anfänge der Museen in den Vereinigten
Staaten haben nicht der Kunst, sondern der Wissen-
schaft gegolten. 1791 gründete die Tammany-Gesell-
schaft in New York eine Sammlung für die Natur
und Geschichte Amerikas. Auch die erste große
Stiftung für Volksbildung, das Smithsonian Institute
in Washington (1829), der Ausgangspunkt für Museen
verschiedener Art, galt der »Mehrung und Ausbreitung
des Wissens unter den Menschen«. Noch heute sind
die Museen für Naturkunde drüben umfangreicher und
besser entwickelt, da sie ihren Stoff näher zur Hand
haben. Auch der Kunstfreund sollte an ihnen nicht
vorübergehen; denn er kann aus ihrem Inhalt, ihrer
Auswahl und ihrer Aufstellung lernen. Bei meinem
ersten Besuch im Museum für Naturkunde in New
York hat mich gleich die erste Abteilung, die Samm-
lung amerikanischer Hölzer, einen ganzen Tag lang
gefesselt; so überwältigend sprachen aus diesen meister-
lich vorgeführten Beispielen des Baumwuchses die
schwer vorstellbare Größe, die klimatische Mannig-
faltigkeit und der unerschöpfliche Naturbesitz des
Riesenreiches. Mir sagten Einheimische, daß ihnen
dieser große Saal eine immer wieder neue, genußreiche
Lehre biete. Dem Ankömmling wird er zum Erleb-
nis, zu einer Art Jubelouvertüre amerikanischen Reich-
tums, zu einer vaterländischen Reklame vornehmsten
Stils. Auch die mineralogischen Schätze des Landes
hat man an mehreren Orten zu ähnlich eindrucks-
voller Wirkung zu bringen gewußt. Bei aller wissen-
schaftlichen Ordnung hat man durch geschmackvolle
Aufstellung aus ihnen eine hohe Schule des Formen-
und Farbensinnes gebildet: in New York steht neben
der Hauptsammlung mit ihren großzügigen Exemplaren
in einem besonderen Prunksaal, als Geschenk Pierpont
Morgans, die kostbare Sammlung von Edel- und Halb-

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