Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 28.1917

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REISEEINDRUCKE AUS KONSTANTINOPEL

VON BRUNO TAUT, ARCHITEKT

KONSTANTINOPEL —, ein Klang, der mit zu alle-
dem gehört, was uns über die Härte der Realität
hinaushebt und der Phantasie ein Stück von anderen
Welten verheißt; Licht, Glanz, Farbe, Buntheit — jeden
Gegensatz zur Alltagsgrauheit. Der Orient ist die wahre
Mutter Europas, und unsere schlummernde Sehnsucht geht
immer dorthin. Konstantinopel ist in jedem Sinne die
Pforte des Orients. Der Europäer fühlt da noch vertrauten
Boden unter den Füßen und schaut doch schon in eine
ganz andere Welt hinein. Die Phantasie wird nur allge-
mein angeregt; es bleibt im ganzen nur ein Eindruck von
etwas Köstlichem, Buntschillerndem, — nichts bindet und
fesselt sie. Nicht wie Italien zerrt dieser Eindruck an un-
serer Bildung; er verpflichtet zu keinen Reminiszenzen
und Nachahmungen und läßt den Intellekt frei.

In der chaotischen Überfülle von Glanzvollem, Frem-
dem, Ruinenhaftem und Lebensvollem sucht man einen
Anker in dem, was unserer Bildungsgrundlage am nächsten
steht, im Byzantinischen. Man besucht zuerst die viel ge-
priesene Hagia Sophia. Die in gewaltigen Dimensionen
das Bauproblem kühn überwindende Konstruktion, die pa-
tinierte Marmor-, Bronze- und Mosaikpracht des alten By-
zanz tritt mit Ansprüchen entgegen, die Staunen verlangen.
Sieht man dann aber die türkischen Anbauten, die Sul-
tansgräber und Brunnen ihrer Umgebung, so fühlt man
eine ganz neue Empfindung in sich auftauchen und mit
ihr den Wunsch, diese Welt aufzunehmen und in sich zu
verarbeiten. Ein wenig wärmer als die Hagia Sophia be-
wundert man die Kachrieh-Moschee, eine alte oströmische
Kirche, mit ihren eigenartigen Gewölben und den schönen by-
zantinischen Mosaiken und begnügt sichmitderTatsache,daß
fast das ganze übrige Byzanz in den Ruinen und den Stadt-
mauern verborgen liegt, wo viele Schichten von Säulentrom-
meln vermauert sind und wer weiß wie vieles dem Forscher-
fleiß des Archäologen aufgespart ist, und in den Zisternen und
im Museum. Doch wozu ausgraben und rätseln, wo das
üppigste Leben blüht! Dieser Jahrtausende alte Schutt,
der wie ein satter Dung das heutige Leben erzeugt hat
und nach Bohrungen stellenweise 5—7 m tief liegt, ist das
Merkwürdigste an der Stadt. Das neue Leben, entstanden
mit der Eroberung durch die Osmanen, ist wirklich so
völlig neu, so zusammenhanglos mit dem alten Schutt und
so anziehend und alle Sinne erfüllend, daß kein Bedauern
mit dem Zerfall der byzantinischen Herrlichkeit aufkommt.
Die Hagia Sophia gab gewiß den Ausgangspunkt für die
türkischen Baumeister — aber welch ein eigenes, ganz
auf sich beruhendes Wunderwerk ist die Moschee gewor-
den! Ein sehr klarer Organismus, übersichtlich im Grund-
riß und vielseitig, delikat und für die Begriffe des euro-
päisch geschulten Architekten unfaßbar in seinem Aufbau.
Ein Spiel von Kuppeln, Gesimsen, äußerst feinem Zierat,
im Äußeren und im Inneren Helligkeit, Reinheit und
Süße. Ungewöhnlich massiv ist die Konstruktion wegen
der Erdbebengefahr und wirkt doch leicht. Es ist nicht
Architektur, könnte man sagen. Als eine Blume mit wun-
derbarem Duft steigt die Moschee empor, klar und gleich-
zeitig unklar im Sinne Scheerbarts: »Nie klar wird das
Verklärte«. Ein Elfenbeinmodell im Ef-Kal-Museum gibt
in seinen künstlerischen Steigerungen besonders deutlich
die Idee dieser Wunderwerke. Europa hat nur die Gotik,
die aus dem gleichen Boden der Gefühlsverklärung ge-
wachsen ist, freilich in ganz anderer Richtung. Bei ihr

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die nach dem Gewaltigen verlangende Gefühlsdynamik —
bei der Moschee die tiefe Ruhe in der Heiterkeit, das
Einssein mit dem All in einer lächelnd ernsten Hingabe,
so seltsam und weise, wie die Idee der Derwischtänze,
die im ruhig hingegebenen Drehen um sich selbst die
Welt widerspiegeln und anbeten. Die ganze Welt des Is-
lams liegt in diesen Bauten. Es gibt nicht vereinzelte
Standardwerke ihrer Art, sondern der gleiche Geist durch-
zieht die größten Moscheen bis zu den kleinsten, die man
in dörflicher Umgebung, etwa in Skutari findet. Es ist
nur ein Abstufen, ein Variieren, als dessen Höhepunkte
man vielleicht den Aufbau der Achmed- und Suleiman-
Moscheen und das Innere der Valide-Moschee nennen
könnte. Es klingt in ihnen wie die Janitscharenmusik,
fremd, seltsam und tief fesselnd, sobald man ihre Harmo-
nien und Rhythmen begriffen hat. Dieser Klang durch-
zieht alle türkischen Bauwerke, die zahllosen Türben (Grab-
mäler), die Profanbauten, so primitiv sie oft in ihren tech-
nischen Mitteln sind, und ertönt ganz rein und hell in den
köstlichsten Teilen des alten Serails, wo der Bagdad-Kiosk
mit seinem Altan und Teich und Goldbaldachin und mit
seinem durch wunderbare Fayenzen, Stoffe und Malereien
geschmückten Innenraum, wie auch Teile des Harems un-
nennbar, märchenhaft schön sind. Mit Bedauern sieht
man dort wie sonst oft die Selbstentäußerung türkischer
Kunst; die zuckerig von Europäern aufgeführten oder aus-
gestatteten Teile beweisen nur allzu deutlich, wieniemandun-
gestraft sein bestes Teil aufgeben darf. Selten ist die
Synthese gelungen und mit ihr dann allerdings eine Wir-
kung von eigenem Zauber. Alles echt Osmanische aber
— dazu gehört auch der herrliche Tschinili-Kiosk und der
Seraskierturm — spricht eine Sprache, die mit allen Fa-
sern im türkischen Gesamtleben, der Religion, den Ge-
wohnheiten verwachsen ist.]

Der sprudelnde Rhythmus des Straßenlebens, die Läden,
Kaufhäuser, Werkstätten, Garküchen, Zuckerbäckereien, Ziga-
rettenstände, Cafes, Obsthändler, Ausrufer, die Schiffe am
Hafen, die bunten Trachten der Männer, die Basare mit ihrem
üppigen Farbenleben — es ist immer der gleiche Ton.
Der große Basar gibt wohl den stärksten Eindruck, den
nur ein Europäer empfangen kann. In den langen, küh-
len, köstlich beleuchteten und herrlich ausgemalten Ge-
wölben, auf dem Pflaster von breiten, unregelmäßigen
Steinen (für unsere verwöhnten Füße allerdings sehr an-
strengend), möchte man immerfort herumgehen und die
vielen, vielen Dinge, die es da gibt, ansehen und um sie
feilschen, man möchte sich immerfort nur in den Gassen
herumtreiben, am Hafen die Schiffe auf den blauen Wellen
betrachten, zusehen wie Melonen, Fische ausgeladen und
verhandelt werden usw. Es gibt kein Ende für genuß-
süchtige Augen. Weinranken über den Straßen, malerische
Kaufhöfe, merkwürdig verbaute, verschmutzte und doch
sehr schöne Häuser — es gibt keinen Winkel, der nicht
malerisch, sinnlich beglückend und frei von Nüchternheit
ist. Dazu der Geruch, gleich ob Wohlgeruch von Zigaretten,
Früchten, Sambak und Rosenöl oder Gestank von Hammel-
fett, Fischen und faulem Unrat, — die Stimmen der Aus-
rufer, das Licht der fest scheinenden Sonne, die krei-
senden Geier in der Luft, die Möwen —- es bleibt der
eine Ton.

In diesem Milieu muß der Mensch wirklich Mensch
sein. Aber sein Wesen, wie man es dort trifft, ist nicht

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