Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 28.1917

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DIE SAMMLUNG NIEDERRHEINISCHER KUNSTARBEITEN
VON FRIEDRICH CAMPHAUSEN IN KREFELD

IM Krefelder Städtischen Kaiser-Wilhelm-Museum
hatte in den Monaten April-Mai Herr Friedrich Camp-
hausen seine Sammlung niederrheinischer Kunst-
arbeiten ausgestellt; daß eine von einem tüchtigen
Sammler und Kenner niederrheinischen Kunstgewerbes
zusammengebrachte Sammlung eine Fülle des Interes-
santen bot, bedarf kaum der Erwähnung. Es kann
nicht genug anerkannt werden, daß Herr Camphausen
sich endlich bereitgefunden hatte, seine ausgezeichnete,
in Fachkreisen'eines ansehnlichen Rufes sich erfreuende
Sammlung im Museum der kunst- und kulturliebenden
Bürgerschaft seiner Vaterstadt zugänglich zu machen.
Seit annähernd dreißig Jahren Sammler und Kenner,
bringt er den von den Ureltern überkommenen Werten
große Pietät entgegen und versteht es, den künstlerischen
Geist, den vergangene Zeiten in diesen niedergelegt,
zu wecken. Alles, was dem Niederrhein oder dem be-
nachbarten Holland entstammt und einen ausgesprochen
kunstgewerblichen Charakter trägt, wurde für wert ge-
halten, in seinem Hause in der Leyentalstraße einen Platz
zu erhalten. Seine Sammlung, die jetzt das ganze geräu-
mige erste Stockwerk seines Hauses anfüllt, ist eben so
sehr auch ein Spiegel ihres Schöpfers, in ihren Zielen
wie in ihrer notwendigen Begrenztheit. Denn mit gutem
Bedacht hat sich Herr Camphausen eine gewisse Be-
schränkung auferlegt in seiner Sammlertätigkeit: wir
sehen in seiner Sammlung nur Erzeugnisse der Gotik,
der Renaissance und der holländischen Möbelkunst
des 17. Jahrhunderts; auf die Werke der von Frank-
reich ausgehenden Stilrichtung des 18. Jahrhunderts
hat er wohlweislich verzichtet. Gerade dieser Beschrän-
kung verdankt die Sammlung ihren Charakter innerer
Zusammengehörigkeit und die Wirkung einer an-
sprechenden Geschlossenheit. An die Holzarbeiten
schließen sich alte gegossene und getriebene Metall-
arbeiten, Elfenbeinschnitzwerke und eine Anzahl gotische
Miniaturen. Niederrheinische und niederländische Ge-
mälde des 17. Jahrhunderts heben sich wirkungsvoll
von der braunen Täfelung der Zimmer ab; holländischen
Möbeln entspricht eine ansehnliche Gruppe Delfter
Fayencen, die mit ihren bunten Mustern die Zimmer
beleben. Eine kleine Sammlung für sich bilden die
niederrheinischen Tonschüsseln, die bekanntlich zumeist
in den Dörfern der näheren Umgebung Krefelds ent-
standen sind.

Das älteste Stück der Sammlung ist ein früh-
romanischer Bronzeleuchter, dessen Schaft mit Silber-
streifen und feinem Blatt- oder Tierwerk verziert ist;
die bronzene Oberfläche zeigt Spuren alter Vergoldung.
Er ist vermutlich in Werden a. d. Ruhr in der Früh-
zeit des 11. Jahrhunderts entstanden.

Von der mannigfachen Verwendung der Bronze
legen noch einige kleinere und größere Weihwasser-
kessel, Handwaschkessel, mehrere Paare von Kirchen-
leuchtern und eine kleine Bronzeglocke, mit hübschen

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Blattranken und Tieren verziert und die im Rheine
bei Duisburg gefunden wurde, Zeugnis ab. Gotischer
Zeit entstammt eine sogenannte Pomella, eine vergoldete
und mit Inschriften und gravierten Verzierungen ver-
sehene Kugel, die wohl dereinst als zierender Abschluß
am Schilde eines Chormantels angebracht war. Die
übrigen Metallarbeiten in Messing und Bronze sind
meistens kirchliche Geräte; ein paar große getriebene
Metallschüsseln sind beachtenswert, weil sie an alten
überlieferten Formen festhalten, doch erst zum Teil
im 16. Jahrhundert entstanden sind. Das Material Eisen
ist durch eine Tabernakeltür, eine prächtige gotische
Schmiedearbeit, deren aus durchbrochenem Rankenwerk
bestehende Einfassung vordem vergoldet war, und durch
ein gutes Dutzend von gotischen Schlüsseln vertreten,
die ebenso wie die innere Einrichtung der ausgelegten
Schlösser beredtes Zeugnis für die Kunstfertigkeit der
alten Schlossermeister ablegen.

Beachtenswert sind ferner eine Anzahl Miniaturen
größeren und kleineren Formates. Bei den mit großer
Sorgfalt auf Pergament ausgeführten Miniaturen fällt
uns die große Vorliebe der Maler für Blau und für
milchige, ins Blaugraue spielende Töne auf. Die Hinter-
gründe sind vielfach weinrot ausgefüllt, in manchen
Miniaturen mit goldenen Sternchen, bei anderen Blättern
mit Blattspiralen bedeckt. Um 1300 dürfte ein Blatt
aus einem scholastischen Werke geschrieben sein, das
in der Initiale C einen predigenden Geistlichen zeigt.
Der Buchstabe selbst ist blaßrot gehalten und mit
einem Ornament geschmückt. Nach oben und unten
zweigen schmale Bordüren ab. Deckfarben auf quädritem
Goldgrund. Auf einem anderen Pergamentblatt von
guter Erhaltung und eigenartiger Schönheit sehen wir
die Initiale R aus einem Antiphonar (wohl zu der Stelle:
Resurrexit dominus), die mit Gold auf blauem Unter-
grund ausgelegt und mit zahlreichen verschlungenen
Rankenornamenten verziert ist. Die charakteristische
Ausführung des Blattes weist unverkennbar auf seinen
frühen mitteldeutschen Ursprung, auf die sächsisch-
thüringische Malerschule hin. Aus einem anderen Anti-
phonar größeren Formates, das etwa um die Mitte
des 15. Jahrhunderts geschrieben sein mag, stammen
die Blätter her, die in den Initialen die Figuren des
heiligen Michael, des heiligen Petrus, und Petrus und
Paulus, sowie eines nicht zu benennenden Heiligen
aufweisen.

Die Art flämischer Buchmalerei von der zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts erkennen wir an der Bordüre,
die aus Rankenwerk, Blumen, Tieren und Grotesk-
figuren gebildet wird und die in einer blau und gold
gehaltenen Initiale G in einem anderen Pergament-
blatt die Gestalt der heiligen Agathe umgeben. Ver-
wandt damit ist ein fein ausgemaltes Pergamentblatt,
das im Buchstaben J die Anbetung des Jesuskindes
und als Einfassung zierliches Rankenwerk zeigt.

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