Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 28.1917

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feldern von ganz unterschiedlicher Art gewesen und zeigten,
solange die russische Armee noch nicht so zusammenge-
würfelt war wie jetzt, ausgesprochenen Heimatscharakter,
im Stich, in der Anzahl der verwendeten Farben (rot und
schwarz oder rot und blau und schwarz oder ganz weiß
usw.) und in der Form der Ornamente. Von den mir er-
reichbaren Typen habe ich Exemplare gesammelt.

Auch am Hausgerät die ursprüngliche Zierfreude. Ver-
ziert ist das Spinnrad, verziert die Spindeln. Kaum in
einem Hause fehlt der Webstuhl; fröhlich bemalt sind die
Truhen, soweit sie vorkommen. Prachtvoll sind auch die
erwähnten Friesmäntel, dem Klima angepaßt. Kein Sturm,
kein Regen geht durch, sie wärmen allein schon durch ihr
Gewicht. Mancher dieser vergrabenen und herrenlos ge-
wordenen Mäntel haben deutschen Soldaten am Biwakfeuer
gute Dienste geleistet.

An den langen Winterabenden wird geschnitzt und ge-
flochten. Dann mögen die Holzlöffel, die Wandbretter,
Sensenbäume und Gefäße aller Art entstehen, dann auch
in diesen eisenarmen Ländern die z. T. recht komplizierten,
äußerst sinnreichen Holzschlösser der Scheunen mit ihren
ebenfalls hölzernen Schlüsseln, Muster der exakten Schnitz-
kunst. Merkwürdigerweise sind die Schlösser der Haus-
türen bedeutend einfacher, vielleicht weil die Scheunen oft
recht entfernt vom Wohnhaus stehen, den Reichtum der
Bauern bergend, während die Häuser selbst durch die Be-
wohner ständig bewacht sind.

Krüge sind oft von klassischer Form und, der Technik
entsprechend, recht geschmackvoll bekratzt. Die Herdstellen,
das wichtigste Stück des ganzen Hauses, lösen die Aufgabe

der eigentlichen Kochgelegenheit, des Backofens, der Zimmer-
heizung und der Ofenbank in hundertfältigen, stets wieder
überraschenden Variationen. Nur die Ofentüren aus Guß-
eisen sind aus der Stadt und deshalb abscheulich. Nur
das Haus selber wird nicht geschmückt. Grau, selten ge-
tüncht und wenig einladend steht es da und ist mit seinem
längst bemoosten Strohdach von der Landschaft kaum zu
unterscheiden. Es ist, als ob es nur von innen Beachtung
fände.

Es ist ein Vergnügen, zu sehen wie vom Anbau des
Flachses, dem Schneiden der Hölzer, dem Formen der
Luft-Lehmziegel an bis zum gestickten Hemd, dem Bast-
schuh und dem Herd alles auf dem Hofe selber geschaffen
wird. Kernvoll und kraftvoll ist alles, was der Bauer in
seiner gesunden Urwüchsigkeit anpackt und mit unglaub-
lich bescheidenen Mitteln zuwege bringt; Schund und Talmi
alles, was diesen armen Halbwilden von den Städten an-
gedreht und aufgeschwätzt wird. Gibt es noch Boden-
ständigkeit, so ist es hier. Aber sie ist gefährdet und wird
es nach dem Kriege in schnell steigendem Maße sein. Sie
zu schützen muß Aufgabe derer werden, die in kunstge-
werblichen Fragen später hier im Lande ein Wort mitzu-
reden haben werden. Es wäre ein Jammer, würde diese
stille Arbeit hier durch überhasteten Anschluß an die Un-
kunst der Stadt gestört. Sie auszubauen mag schwer sein,
zerstört ist sie leicht.

Wer auf dem Lande hüten und helfen soll, müßte es
kennen und trotz aller »polnischen Wirtschaft« die Keime
schätzen. Es wäre ein Verlust, wenn sie zugrunde gingen.

DAS KASEIN IN DER WAND-DEKORATIONSMALEREI

EINE STUDIE VON DR. HUGO KÜHL

ALS wichtigster Bestandteil der Milch ist das Kasein
für die Volksernährung unentbehrlich. Aus dieser
Erwägung heraus ist für die Dauer des gegenwär-
tigen Krieges jede technische Verwertung untersagt. Wenn
wir trotzdem versuchen, unsere Aufmerksamkeit gerade auf
eine technische, ich möchte sagen künstlerisch technische
Verwendung zu richten, so geschieht es in Anbetracht der
ganz außerordentlichen Bedeutung dieser tierischen Eiweiß-
quelle und in der Gewißheit, daß die Kaseinindustrie nach
dem Verlöschen des Weltbrandes neu aufblühen wird.

Das reine Kasein ist ein fast schneeweißes, etwas
körniges Pulver, das im Gegensatz zu den sich in manchen
Büchern und Abhandlungen findenden Angaben in Wasser
unter gewöhnlichen Bedingungen unlöslich ist. Bei Gegen-
wart von Säuren oder Alkalien findet zunächst eine Quellung
der Kaseinkörnchen und dann eine scheinbare Lösung
statt. Scheinbar ist die Lösung, weil sich mit Hilfe des
Mikroskopes das Kasein als solches nachweisen läßt, was
niemals der Fall sein würde, wenn es sich wie Kochsalz
oder Zucker tatsächlich löste. Je mehr das Kasein die
Fähigkeit besitzt, mit Wasser unter gegebenen Bedingungen
aufzuquellen und dann Scheinlösung zu bilden, um so ge-
eigneter ist es für die Technik in der Kunst. Die reine
Wissenschaft nennt Stoffe obengenannter Art Kolloide, sie
spricht von dem kolloidalen Zustand eines Körpers und
von seiner kolloidalen Lösung. Dem Dekorationsmaler
müssen diese Begriffe bekannt sein, weil sie die Zustände
des von ihm verwendeten Kaseins zum Ausdruck bringen.
Nur in kolloidaler Lösung kann von ihm das Kasein ver-

arbeitet werden, verlor es die Fähigkeit, sich kolloidal zu
lösen, so ist es für seine Zwecke, jedenfalls in den meisten
Fällen, unbrauchbar.

Die starkbindende Kraft des Hühnereiweißes, einer kol-
loidalen wässerigen Eiweißlösung, war schon dem Mittel-
alter bekannt. Wenn man in alten Gemälden Kasein als
Bindemittel nachgewiesen haben will, liegt sicher Hühner-
eiweiß vor, denn die alte Zeit kannte keine Kaseinmaltechnik
im modernen Sinne. Dem widerspricht die Tatsache nicht,
daß man schon seit langer Zeit bei Kalkanstrichen für
außen Milch zusetzte. Die Milch, in Betracht kommt
natürlich die möglichst fettfreie Magermilch, ist eine natür-
liche kolloidale Kaseinlösung. Das aus ihr abgesonderte,
durch bestimmte technische Verfahren gereinigte, d. h. von
Fremdbestandteilen wie Milchzucker befreite Kasein, fand
viel später Eingang in die Technik der Kunst.

Wenn wir ein die Kaseinmalerei behandelndes Werk
aufschlagen, so verwirrt geradezu die Vielseitigkeit der An-
wendung, legen wir dann nach gründlicher Prüfung auf
der Basis der durch die Eigenschaften des Kasein gegebenen
Möglichkeiten einen kritischen Maßstab an, so sehen wir,
daß zwei Verwendungsarten gegeben sind, nämlich einmal
die als Bindemittel, sodann die als Konservierungsmittel.
Wie die erste, so ist auch die letzte Art beschränkt und
an das Vorhandensein bestimmter Bedingungen gebunden.
Ein Beispiel führt uns am leichtesten ein.

Ein Dekorationsmaler, mit dem ich über das Kasein
plauderte, erzählte mir von einem Auftrag. Es galt die
Wandfläche in einer Villa durch ein Fresko zu schmücken.

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